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Zukunftsforscherin Jeanette Huber Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit

Ausgabe 03/2017

Jeanette Huber ist Associate Director des in Frankfurt am Main ansässigen Zukunftsinstituts, das als einer der einflussreichsten Thinktanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung gilt. life sprach mit ihr über den Megatrend Gesundheit.

Bauerfeind life: Ernährung, Bewegung, Arbeits- und Freizeitgestaltung – der Megatrend Gesundheit erreicht quasi alle Lebensbereiche. Welche Entwicklungen lassen sich dabei erkennen?
Jeanette Huber: Wir sehen zwei große Entwicklungen. Erstens wird Gesundheit immer individueller. Für den einen ist viel Trinken gesund, für die andere fleischlose Ernährung, für wiederum andere muss es vegan sein. Das Gesundheitsverständnis wird zunehmend individueller, authentischer. Das heißt, dass jeder bis zu einem gewissen Grad selbst entscheidet, was für sie oder ihn „gesund sein“ bedeutet. Gesundheit ist also nicht länger die bloße Abwesenheit von Krankheit, erstrebenswert ist vielmehr persönliche „GesundZufriedenheit“, ein Zustand, mit dem man sich wohlfühlt. Es gibt zum Beispiel chronisch Kranke, die gesundzufrieden sind, weil sie gelernt haben, mit ihren Symptomen gut klarzukommen, während andere, denen es genauso geht, sich sehr krank fühlen.

Und die zweite große Entwicklung?
Jeanette Huber: Das ist die zunehmende Digitalisierung, ebenfalls gekoppelt mit mehr Selbstbestimmung. Immer mehr Menschen erheben und verwalten Daten von Gesundheits- und Fitness-Apps. Das sensibilisiert für den eigenen Körper und motiviert, denn es macht ja zum Beispiel auch Spaß, zusammen mit Kollegen zu laufen und dann die Werte zu vergleichen.
Generell spielt moderne Technik für die Menschen eine große Rolle, wenn es um ihre Gesundheit geht. 52 Prozent1 der Deutschen haben großes Vertrauen in den technischen Fortschritt der Medizin. Von diesem Vertrauensbonus kann auch der Sanitätsfachhandel profitieren, etwa wenn es um moderne Messtechnik geht.

Wie wirkt sich die Digitalisierung ganz praktisch auf das Gesundheitssystem aus?
Jeanette Huber: Da gibt es zum Beispiel eine Art mobiles EKG für das Handy, es ist für Laien gedacht. Damit kann ein Herzpatient akute Gesundheitsprobleme dokumentieren, seine Gesundheitsdaten also „im richtigen Moment“ erheben. Der Arzt kann darauf im Nachhinein zugreifen. So entsteht eine neue Augenhöhe zwischen Arzt und Patient. Für manchen Gesundheitsprofi ist das ungewohnt, denn traditionell herrschen im Gesundheitsbereich hierarchische Top-Down-Beziehungen. Durch die Digitalisierung wird der Gesundheitsbereich zu einem Netzwerk, das Menschen jenseits von Rollen, Funktionen und Hierarchien in Verbindung bringt, mobil und in Echtzeit. Patienten, Ärzte, Kassen, die Pharmaindustrie, der Sanitätsfachhandel – alle können direkt miteinander ins Gespräch kommen. Das eröffnet Chancen.

Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie beim Kontakt zwischen Sanitätsfachhändler und Patient?
Jeanette Huber: Der heutige Gesundheitskunde hat sich im Internet informiert. Dieses mühsam zusammengegoogelte Gesundheitswissen sollte der Fachhändler ernst nehmen und er sollte seinen Kunden helfen, es nach richtig und falsch, wichtig und unwichtig zu sortieren, damit es auch Sinn macht. Diese persönlichere und damit intensivere Kommunikation ist eine zeitgemäße Form der Kundenbindung.
Auch die Gesundheitsdaten, die viele Menschen selbst erheben, könnten für mehr Nähe zum Kunden sorgen. Das erfordert jedoch, dass sich die Gesundheitsdienstleister auch mit Gesundheits- und Fitness-Apps beschäftigen und wissen, wie sie funktionieren.
Insgesamt bietet der Trend zu mehr gesundheitlicher Selbstverantwortung neue Potenziale …

Können Sie das noch näher erklären?
Jeanette Huber: Die Patienten von heute und morgen sind nicht nur informierter und kümmern sich verstärkt um ihre Gesundheit, sie haben auch neue Erwartungen und Ansprüche. Viele Menschen wollen nicht nur geheilt werden, sie wollen einfach gesünder leben, um die eigenen Gesundheitspotenziale zur Gänze auszuschöpfen. Das ändert die Rolle aller Gesundheitsdienstleister: Sie sind, provokant formuliert, nicht mehr nur Handwerker, die etwas Defektes reparieren, sie werden zu Coaches, die ihre Kunden auf dem Weg zu mehr Lebensqualität leiten und begleiten – vielleicht durch eine Anleitung zu gesünderer Ernährung, zu Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation, vielleicht auch durch Motivation zu mehr und gesundheitsförderlicher Bewegung.

Gesundheitsbewusstsein ist ja gut, aber gibt es nicht auch Exzesse?
Jeanette Huber: Doch genau, wir nennen diese Menschen „Gesundheitsoptimierer“. Sie verstehen ihren Körper als eine Baustelle, auf der es immer etwas zu verbessern gibt. Sie wollen gesünder, attraktiver und fitter im Kopf sein als der Rest. Und diese Leute, gerade wenn sie älter sind, erfordern ungewohnte Kompetenzen von allen Gesundheitsprofis, die mit ihnen zu tun haben. Denen fällt nämlich zuweilen die Aufgabe zu, einem übersteigerten Hochleistungswahn entgegenzutreten und Verständnis für die natürlichen Grenzen der Biologie zu wecken. Das übertriebene Gesundheitsstreben braucht sozusagen als „Gegengewicht“ eine Gesundheitskultur, die den Prozess des Alterns gelassen zur Kenntnis nimmt und ihm entspricht. Und damit schließt sich dann auch wieder der Kreis zur „Gesundzufriedenheit“.

Was sehen Sie als dringendste Aufgabe in unseren Gesundheitssystemen?
Jeanette Huber: Unser Gesundheitssystem mit all seinen Spezialisierungen und Verästelungen ist für viele undurchschaubar geworden. Daraus und aus dem neuen Gesundheitsselbstwusstsein der mündigen Patienten entsteht der Wunsch nach Transparenz. 39 Prozent1 der Deutschen wünschen sich technische Möglichkeiten, um ihre Gesundheitsdaten immer und überall zu verwalten und zu übertragen. Noch viel ausgeprägter jedoch ist ein anderes Bedürfnis: 84 Prozent1 der Deutschen halten mehr Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen für wichtig, wenn sie an die Gesundheitsversorgung von morgen denken. Das ist nicht nur eine große Herausforderung für Ärzte und Krankenhäuser, sondern auch eine Chance, denn es bedeutet: Wer sich Zeit nimmt für seine Kunden bzw. Patienten, wer zuhört und versteht , der betreibt das bestmögliche Marketing.


1 Philips Gesundheitsstudie 2015

Bilder: Zukunftsinstitut GmbH