Für Ärzte und Partner im Gesundheitswesen Informationen für Patienten finden Sie hier.

Weichenstellung für zukünftige Versorgungsstrukturen „Von dem Gesetz werden letztendlich alle Arztgruppen profitieren“

Ausgabe 01/2012

Das am 1. Januar 2012 in Kraft getretene Versorgungsstrukturgesetz soll auch in Zukunft eine wohnortnahe, bedarfsgerechte und flächendeckende medizinische Versorgung sicher­stellen. Dr. med. Burkhard John erläutert aus seiner Sicht als Vorsitzender der Kassenärztlichen ­Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt , inwieweit das Gesetz dazu beitragen kann, die Arbeits­bedingungen und die wirtschaftliche Situation der Ärzte auf dem Land zu verbessern.

Dr. med. Burkhard John.
Dr. med. Burkhard John.

Welche Chancen bietet das Versorgungsstrukturgesetz bezüglich der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum?
Dr. John: Wir von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt hoffen, dass das Gesetz hilft , die Situation im ländlichen Raum zu stabilisieren. Nicht nur in unserem Bundesland nimmt die Zahl der Allgemeinmediziner gegenwärtig deutlich ab, was für sich genommen eine erhebliche Verschlechterung der medizinischen Versorgung in ländlichen Bereichen bedeuten würde. Nach Hochrechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung benötigen wir in den nächsten fünf Jahren etwa 640 neue Hausärzte, die wir zudem noch dazu motivieren müssen, sich dort anzusiedeln, wo der Bedarf besonders groß ist. Indem das Versorgungsstrukturgesetz vorsieht , dass in unterversorgten Regionen die Abstaffelung der Vergütung wegfällt und die Mediziner auf diese Weise im Prinzip die Leistungen vergütet bekommen, die sie erbringen, schafft es einen gewissen Anreiz zur Niederlassung in solchen Gebieten. Als weitere Fördermaßnahme haben wir bei uns im Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen beschlossen, dass wir die Gründung von Praxen in Regionen, in denen eine Unterversorgung droht oder bereits besteht , mit finanziellen Leistungen von bis zu 60.000 Euro unterstützen können. Zusätzlich werden im Versorgungsstrukturgesetz über die Möglichkeit zur Bildung eines Strukturfonds, der von Kassen und KV zu füllen ist , neue Instrumente geschaffen.

Welche Bedeutung werden regionale Praxisnetze für die Versorgung in der Fläche künftig haben?
Dr. John: Insbesondere in Regionen, die so dünn besiedelt sind, dass sich die Ansiedlung einer normalen Praxis nicht lohnt , bieten solche Netze eine gute Möglichkeit , die medizinische Versorgung sicherzustellen. In Sachsen-Anhalt erproben wir gerade als neues Modell die sogenannten Filialpraxen, die wir als KV selbst betreiben. Damit stellen wir sozusagen die gesamte Hardware zum Betreiben einer Praxis vor Ort zur Verfügung.

Das Versorgungsstrukturgesetz schafft einen gewissen Anreiz zur Niederlassung
in unterversorgten Regionen.“
(Dr. med. Burkhard John)

In jeder dieser Praxen gewährleistet eine von uns angestellte Helferin mit besonderer Qualifikation als Versorgungsassistentin den laufenden Betrieb. Die Ärzte – Angestellte oder auch Honorarkräfte – nutzen die Filialpraxen während bestimmter Zeiten zum Erbringen ihrer medizinischen Leistung. Teilweise haben wir Ruheständler reaktivieren können, die in diesen Praxen gerne ein paar Stunden oder Tage pro Woche tätig sind. Auch für junge Kollegen können solche Einrichtungen einen guten Einstieg in die ambulante Versorgung bieten. Perspektivisch besteht die Möglichkeit , dass neben dem Hausarzt auch Fachärzte wie Urologen oder Orthopäden beispielsweise einmal pro Woche dort präsent sind, um die Menschen der Region ihrem Fachgebiet entsprechend zu versorgen. Mit dem Versorgungsstrukturgesetz verbessern sich die Möglichkeiten, als KV solche Modellprojekte durchzuführen und als Eigeneinrichtungen zu betreiben.

Modellprojekte mit Filialpraxen betreffend, ist auch die Delegation ärztlicher Leistungen von Interesse. Welche Möglichkeiten eröffnet das Versorgungsstrukturgesetz in dieser Hinsicht?
Dr. John: Die Delegation ärztlicher Leistungen wurde ja bereits früher gesetzlich geregelt und wird jetzt durch das Versorgungsstrukturgesetz lediglich aufgegriffen und erleichtert. Krankenkassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung sind nun aufgefordert zu definieren, welche Leistungen medizinische Fachangestellte eigenständig erbringen können. Ich halte die Erweiterung der Delegationsmöglichkeiten für extrem wichtig, da für die Lösung der Patientenprobleme in Zukunft andere Praxisstrukturen notwendig sein werden – diese sollten zunehmend im Team gelöst werden.
Eine weitere Möglichkeit bietet die Delegation von ärztlichen Leistungen an besonders qualifizierte Pflegekräfte. Hierzu hat kürzlich der Gemeinsame Bundesausschuss eine Richtlinie verabschiedet , in der geregelt wurde, wie entsprechende Modellprojekte auszugestalten sind. Dort ist festgelegt , über welche Qualifikation die beteiligten Pflegekräfte verfügen müssen und welche Leistungen delegiert werden dürfen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass die speziell ausgebildeten Pflegekräfte direkt an die Praxen oder Praxisnetze angebunden, also im besten Fall deren Angestellte sind. Die Bildung von Versorgungsteams wird auch hier ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg sein. In diesem Sinne ist auch der Richtlinie entsprechend zunächst einmal eine ärztliche Diagnose und Verordnung notwendig, damit die ärztlichen Leistungen in der Folge auf die Pflegekräfte übertragen werden können. In den Modellprojekten nach dieser Richtlinie kann man beispielsweise festlegen, welche Hilfsmittel durch die besonders qualifizierte Person tatsächlich verordnet werden dürfen und ob zu ihrem Tätigkeitsumfang auch die Veranlassung von Überweisungen gehört – wobei die Entscheidung darüber, ob die Überweisung wirklich nötig ist , natürlich beim behandelnden Arzt verbleibt.

Seit 1997 hat die Zahl der Hausärzte in Sachsen-Anhalt kontinuierlich abgenommen.
Seit 1997 hat die Zahl der Hausärzte in Sachsen-Anhalt kontinuierlich abgenommen.

Welche Arztgruppen betrifft das Versorgungsstrukturgesetz in besonderer Weise?
Dr. John: Letztendlich werden alle Arzt-gruppen profitieren, da die Weiterentwicklung der Vergütung nach diesem Gesetz zumindest ab dem Jahr 2013 an die Morbiditätsveränderung gekoppelt wird. Und diese wird relativ groß sein. Was die Einführung eines sektorübergreifenden Versorgungsbereichs für die ambulante spezialfachärztliche Versorgung betrifft , sind die Meinungen bei den Fachärzten, die davon betroffen sind, allerdings geteilt , da sie bei der ambulanten medizinischen Versorgung zukünftig sozusagen in eine Konkurrenzsituation zu den Krankenhäusern treten. Einige fürchten die Konkurrenz, andere sehen diese als Chance, unter gleichen Bedingungen wie das Krankenhaus Leistungen anzubieten, die dann extrabudgetär bezahlt werden und nicht mehr der Ausgabenbegrenzung unterliegen.

Auch die Zahl der Einwohner sinkt. Der Anteil der älteren und damit stärker von Multimorbidität betroffenen Menschen an der Bevölkerung wird zukünftig stark zunehmen.
Auch die Zahl der Einwohner sinkt. Der Anteil der älteren und damit stärker von Multimorbidität betroffenen Menschen an der Bevölkerung wird zukünftig stark zunehmen.

Wann wird das Versorgungsstrukturgesetz wirklich greifen?
Dr. John: Das wird natürlich ein längerer Prozess sein. Das Gesetz wird kaum innerhalb weniger Tage oder Wochen zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgung in der Fläche führen. Es dürfte ein bis zwei Jahre dauern, bis das Zusammenwirken der verschiedenen Elemente aus dem Versorgungsstrukturgesetz untereinander und mit den bereits bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten soweit funktioniert , dass das Gesetz seine Wirkung im Sinne der niedergelassenen Ärzte und der Patienten entfaltet.

Bild: privat, Fotolia.com/rcx