Venenbeschwerden·Orthesen·Rückenschmerzen·Kompressionsstrümpfe

„Wann ist eine Intervention nötig?“

Hilfsmittelversorgung in der Schwangerschaft

Von Bauerfeind Life am 24.07.2026

Schwanger und gesund? Hormonelle Veränderungen, wachsende anatomische Belastung und individuelle Faktoren können Beschwerden hervorrufen, die den Körper der werdenden Mutter erheblich beeinflussen. Diese einzuordnen und bei Bedarf zu behandeln, ist für Gynäkologin Dr. Susann Jäkel ein wichtiger Teil ihrer Schwangerenbegleitung – auch mit medizinischen Hilfsmitteln wie Orthesen oder Kompressionsstrümpfen.

„Hormone wie Relaxin lockern Bänder und Gelenkverbindungen wie die Iliosakralgelenke (ISG) oder auch die Symphyse. Mit zunehmendem Gewicht und Umfang verändert sich der Körperschwerpunkt und belastet dessen Statik, was die Wirbelsäule in eine Hyperlordose bringen kann. Das Blutvolumen steigt um etwa 30 bis 50 Prozent – eine Extremsituation für den weiblichen Körper“, sagt Dr. Susann Jäkel und ergänzt: „Für uns Gynäkologen ist es eine Gratwanderung. Was ist noch physiologisch und wann ist eine Intervention nötig?“ Eine tägliche Abwägung für die Ärztin, die gemeinsam mit einer Kollegin und einem Kollegen zwei Praxen in den deutschen Städten Gera und Jena betreibt. Dort deckt sie ein breites Spektrum ab – von der regulären Vorsorge bis zur Mitbetreuung von Risikoschwangerschaften. Dabei greift sie auch auf Erfahrungen aus ihrer fachärztlichen Ausbildung in der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Jena und als praktische Geburtshelferin zurück. Bei der Begleitung setzt Dr. Jäkel zudem auf die enge Zusammenarbeit mit den an ihre Praxen angeschlossenen Hebammen. Die Herausforderung bestehe darin, die Frauen trotz begrenzter Termine umfassend zu betreuen. Entsprechend zentral ist das ausführliche Anamnesegespräch beim Ersttermin, bei dem die Schwangerschaft festgestellt wird.

Dr. med. Susann Jäkel ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Sie praktiziert in einer Gemeinschaftspraxis mit Niederlassungen in Gera und Jena. Als medizinische Expertin arbeitete sie bei der Entwicklung der Lumbalorthese Spinova Mum mit Bauerfeind zusammen.

„Natürlich erst nachdem wir im Ultraschall ein Bild des Fötus gemacht haben, den Herzschlag sehen und bestätigt bekommen, dass alles in Ordnung ist.“ Es folgen Fragen zur familiären Situation, zu Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme oder Impfungen, Aufklärung zu Mutterschaftsrichtlinien oder erweiterten Untersuchungen. Ebenso wichtig ist für Dr. Jäkel der Hinweis auf die bevorstehenden Veränderungen des Körpers: Der gesamte Organismus richtet sich auf die Schwangerschaft aus, der Körper der Mutter steht zunächst zurück. Das entspricht der natürlichen Priorisierung, bringt den Organismus aber auch an seine Grenzen. Früher oder später können Schmerzen auftreten – je später, desto besser. „Schmerz ist ein Warnsignal. Wenn etwas weh tut, zeigt ein System, dass es überlastet ist. Geht es der Mutter nicht gut, ist das auch für das Kind nicht optimal. Daher gilt: Schmerzreduktion ist das A und O.“

„Wenn wir in der Schwangerschaft medizinische Hilfsmittel verordnen, dann unter der Prämisse: bei klarer Indikation.“

Dr. Susann Jäkel

Mit Bewegung Schmerzen vorbeugen

Die Frauen so mobil wie möglich zu halten, sieht Dr. Jäkel als beste Vorsorge vor möglichen Beschwerden. „Machen Sie Sport. Informieren Sie Ihre Trainer, damit diese Rücksicht nehmen können. Erlaubt ist alles – außer Reiten, Ballspiele und Kampf- oder Extremsportarten. Schauen Sie, was Ihnen guttut.“ Zudem empfiehlt sie für zu Hause, täglich fünf bis zehn Minuten in Beweglichkeitsübungen zu investieren. Eine Isomatte ist Pflicht, ein Pezziball und Anleitungen aus dem Internet leicht verfügbar. Wer möchte, findet in Apps speziell abgestimmte Bewegungsübungen. „Wir brauchen keinen Powersport, sondern kontinuierliche Bewegung. Treten Schmerzen auf, sollte man aktiv gegensteuern. Schonung kann einen Kreislauf auslösen, der die Beschwerden verstärkt.“ Äußert eine Schwangere Schmerzen im Rücken- oder Beckenbereich, fragt Dr. Jäkel daher bewusst nach dem Bewegungsverhalten. Zur Linderung setzt sie auf stufenweise Maßnahmen: Physiotherapie, Taping, Orthesen – bedarfsweise wird gesteigert und versucht, Schritte für weitere Optionen offenzuhalten. Dabei vertritt die Gynäkologin mit einer Zusatzausbildung als Manualtherapeutin durchaus konträre Ansichten zu immer noch verbreiteten Bedenken von Physiotherapeuten, Frauen in sensiblen Schwangerschaftsabschnitten sehr zurückhaltend zu behandeln. „Die Schmerzen sind vorhanden, also sollte man sie behandeln. Keine extremen Manipulationen, sondern gezielte Übungen, die Erleichterung bringen.“

Die Lumbalorthese Spinova Mum entlastet die Lendenwirbelsäule und stabilisiert das Becken während der Schwangerschaft.

Stufenweise Therapie

Wo die Beschwerden liegen, sieht Dr. Jäkel oft schon beim Gang ins Sprechzimmer. Die manuelle Untersuchung bestätigt dann die gelockerte Symphyse oder die überlastete Wirbelsäule. Zeigen Bewegungsanleitung und Physiotherapie keine ausreichende Wirkung, kommt Taping als weitere Option in Betracht. Es setzt propriozeptive Reize, hilft Verspannungen zu lösen, hebt den Bauch leicht an und kann den Lymphfluss unterstützen. Ein zusätzlicher Effekt: Die Patientin nimmt eine unmittelbar spürbare Maßnahme mit nach Hause. Sind festere Strukturen als der Tapeverband erforderlich, können Lumbal- oder Beckenorthesen eine sinnvolle Ergänzung sein. Gegenüber Modellen, die meist nur den Bauch anheben, bevorzugt Dr. Jäkel die Lumbalorthese Spinova Mum, an deren Entwicklung sie beteiligt war. Durch dorsale Stäbe und ein individuell einstellbares Zuggurtsystem wirkt sie entlordosierend auf die Lendenwirbelsäule. Die Gurtführung, die unter dem Bauch verläuft, stabilisiert auch das Becken, entlastet so die Symphyse und wirkt mit abrüstbaren viskoelastischen Pelotten auf die ISG.
„Ein Hilfsmittel für diesen kombinierten Therapieansatz war mir unbekannt. Das führte dazu, dass ich noch während meiner Zeit am Universitätsklinikum in Jena unter der Leitung von Prof. Dr. Ekkehard Schleußner zusammen mit Bauerfeind an der Entwicklung einer Lumbalorthese für Schwangere gearbeitet habe“, erklärt Dr. Jäkel. Ihre Praxiserfahrungen, das Wissen aus Manualtherapie und Taping sowie Erkenntnisse aus Tragetests flossen in den Entwicklungsprozess ein und trugen dazu bei, dass die Spinova Mum seit 2024 als neue Versorgungsoption im Markt verfügbar ist.

“Viele Patientinnen spüren unmittelbar eine entlastende Wirkung. Manche wollen die Lumbalorthese dann gleich mitnehmen.“

Dr. Susann Jäkel

Je einfacher, desto besser die Compliance

Neben der medizinischen Funktion war Dr. Jäkel bei der Produktentwicklung die einfache Handhabung besonders wichtig. „Die Orthese muss sich schnell und ohne weitere Hilfsmittel anlegen lassen – ohne Spiegel, ohne hinzusehen. Das verbessert die Compliance.“ Auch das atmungsaktive Netzmaterial trägt zur Akzeptanz bei. „Wir können Muster der Orthese in der Praxis zeigen, testweise anlegen, damit Funktion und Wirkweise veranschaulichen und sehen, ob die Patientin auf das Hilfsmittel positiv anspricht. Viele Patientinnen spüren unmittelbar eine entlastende Wirkung. Manche wollen sie dann gleich mitnehmen“, lacht Dr. Jäkel. Für die Anwendung weist sie darauf hin, dass Orthesen ausschließlich tagsüber und bei Aktivität getragen werden sollten. Entscheidend sei, dass die Frau dadurch wieder mobiler wird. Diese Kombination ist ausschlaggebend, um Wirkung zu entfalten.

Durch dorsale Stäbe und ein individuell einstellbares Zuggurtsystem wirkt Spinova Mum entlordosierend auf die Lendenwirbelsäule.

Trotz aller positiven Effekte gilt: Orthesen werden nicht prophylaktisch verordnet, sondern stets diagnosebasiert und indikationsbezogen. Das ist auch für die Rezeptierung relevant. Alternativ zur namentlichen Verordnung kann das Hilfsmittel als Rückenorthese mit Zusatzelementen zur Entlordosierung und Stabilisierung beschrieben werden. „Hilfreich sind die Hinweise im verfügbaren Informationsmaterial“, rät Dr. Jäkel und führt aus: „Bei vorliegender Indikation verschreiben wir Spinova Mum meist ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Davor – wenn der Bauch noch nicht über den Beckenring hinausragt – kann für die Entlastung von Symphyse oder ISG auch eine Beckenorthese sinnvoll sein.“ Wichtig ist in jedem Fall: Indikationsgerecht angewandt besteht durch den Einsatz einer Orthese zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für das Kind. „Die Orthese liegt auf den Knochen des Beckens auf und kann nicht zu einer Unterbrechung der Schwangerschaftsversorgung führen. Ohne dass es für die Frau unangenehm wird, lässt sie sich gar nicht so fest anlegen, dass es zu einer Beeinträchtigung führen könnte.“

VenoTrain-Kompressionsstrümpfe unterstützen in der Schwangerschaft den venösen Rückfluss und können eine hormonell und mechanisch bedingte Venostase reduzieren.

Kompression für belastete Venen

Bereits in einem frühen Stadium der Schwangerschaft können hormonelle und physiologische Veränderungen auch das Beinvenensystem beeinflussen. Die Gefäße weiten sich, die Funktion der Venenklappen lässt nach, der Blutrückfluss verlangsamt sich. Zusätzliche Wassereinlagerungen verstärken die Belastung. Bis zu 40 Prozent der Schwangeren weisen eine neu aufgetretene oder eine progrediente Varikose auf.1 In der aktuellen deutschen S2k-Leitlinie zur Kompressionstherapie wird diese bei Stauungsbeschwerden und Ödemen sowie bei Schwindel und Übelkeit empfohlen. „Die Frauen brauchen Unterstützung, um ihren Alltag zu bewältigen – in der Arbeit oder bei der Betreuung der Familie“, sagt Dr. Jäkel. Entsprechend wird gezielt nach Symptomen gefragt und bei Bedarf verordnet. Kompressionsstrümpfe können die venöse Hämodynamik unterstützen, indem sie den Blutrückfluss verbessern und Stauungen reduzieren. Bei der Verordnung empfiehlt Dr. Jäkel in der Regel, tagsüber Oberschenkelstrümpfe mit geschlossener Fußspitze und Kompressionsklasse II zu tragen, alternativ auch eine Strumpfhose mit Leibteil. „Je nachdem, was die Frau lieber tragen möchte. Entscheidend ist die Compliance.“ Die Erfahrung bestätigt: Spüren die Frauen eine Entlastung, tragen sie die Strümpfe konsequent – oft über die gesamte Schwangerschaft hinweg. Empfohlen wird der Einsatz ab den ersten Beschwerden bis sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt, um die Rückbildung zu unterstützen und das Thromboserisiko zu senken. Die Möglichkeit eines venösen thrombotischen Ereignisses wächst mit fortschreitender Schwangerschaft und erreicht ihr Maximum in der postpartalen Periode. Geeignete Kompression kann hier sinnvoll unterstützen.

„Die Frauen brauchen Unterstützung, um ihren Alltag zu bewältigen – in der Arbeit oder bei der Betreuung der Familie.“

Dr. Susann Jäkel

Versorgung bei klaren Indikationen

Gibt es weitere Indikationen, die während einer Schwangerschaft auftreten können, bei denen Dr. Jäkel auch medizinische Hilfsmittel zur Behandlung einsetzen würde? „Typisch für die Zeit der Gravidität können Beschwerden im Handgelenk, wie etwa ein Karpaltunnelsyndrom, sein. Hier würden wir die Frauen mit einer Handorthese zur Schmerzlinderung unterstützen“, sagt die Gynäkologin. Zudem ist sie bei einer Veränderung der Fußstatik offen für die Versorgung mit Einlagen. „Es ist selten, dass Patientinnen mich direkt danach fragen, oft sind es Hinweise ihrer Hebamme, denen wir nachgehen. Ich überweise dann für eine weiterführende Abklärung einer passgenauen Einlagenversorgung zum Orthopäden“, sagt Dr. Jäkel und fasst zusammen: „Wenn wir in der Schwangerschaft medizinische Hilfsmittel verordnen, dann immer unter der Prämisse: Mehr ist nicht automatisch besser. Bei den individuell unterschiedlichen Beschwerden brauchen wir klare Indikationen. Nur dann kann eine Orthese, ein Kompressionsstrumpf oder eine orthopädische Einlage dazu beitragen, Schmerzen zu lindern und Bewegung zu ermöglichen.“

Mehr zum Angebot von Bauerfeind für eine Hilfsmittelversorgung in der Schwangerschaft erfahren Sie hier.

Im Beitrag „Es geht darum, aktiv zu bleiben“ teilt Hebamme Maria Werner ihre Beobachtungen, wie Hilfsmittel Schwangere entlasten und unterstützen können.

[1] Pannier F, Noppeney T, Alm J et al. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Varikose. Im Internet: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/037-018

Bilder: Andreas Wetzel, Bauerfeind AG

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