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Vom Behandeln und Vergessen Multimodal gegen den Schmerz

Ausgabe 01/2012

Mal stechend, mal bohrend, mal quengelnd – jeder kennt die verschiedenen Arten des Schmerzes. Aber kennen wir ihn wirklich? Schmerz beruht nicht auf einer einfachen Signalweiterleitung, sagt Prof. Dr. med. Walter Zieglgänsberger, sondern entsteht in einem komplexen, lernfähigen System in neuronalen Schaltkreisen des ­Gehirns. Wenn der Schmerz chronisch wird, wie es die ­Triathletin ­Nicole Woysch erfahren musste, gilt es, ihn zu „verlernen“. Durch starke Gefühle: Freude, Glück – aber auch durch die Wirkung von Physiotherapie und, im konkreten Fall der Triathletin, einer ­Rückenorthese.

Ob Zahn-, Magen- oder Rückenschmerzen – Schmerzen sind immer anders. Bei Nicole Woysch kam der Schmerz beim Laufen. Vor eineinhalb Jahren, meist bei Kilometer zwölf, fing er an. „Ein Ziehen vom hinteren Oberschenkel übers Knie runter zur Wade und weiter zum Fuß“, beschreibt sie ihn. „Ich kann es immer noch nicht richtig ausdrücken. Man merkt einfach, dass da etwas ist , was da nicht hingehört. Und man wird nervös.“ Als Nicole Woysch noch entspannt laufen konnte, absolvierte die Triathletin die Langdistanz (3,8 km Schwimmen, 120 km Radfahren, 42,195 km Laufen) in Welt­klassezeiten. Alles passte, die Schrittlänge war konstant , die Beine und der Rücken funktionierten reibungslos. „Ich war fast schon erfolgsverwöhnt“, schildert die Profi­sportlerin ihre unbeschwerte Phase. Dann kam das Ziehen. „Manchmal trat es auch schon beim Radfahren auf. Ich wurde immer ängstlicher.“ Und die Zeiten schlechter. Die Schrittlänge, dieser untrügliche Indikator, den alle Läufer aufs Genaueste spüren, wurde kürzer, die Schmerzen stärker. Ein Foto zeigt die zierliche Athletin im Zieleinlauf des Ironman auf Hawaii mit Girlanden um den Hals und schmerzverzerrtem Gesicht. „Einen normalen Schritt zu ziehen, war unmöglich. Mich beschlich die Angst um meine Karriere.“

Anders als den Akutschmerz, ohne den menschliches Leben nicht denkbar ist , braucht den chronischen Schmerz kein Mensch!“ (Prof. Dr. Walter Zieglgänsberger)

Das Schmerzgedächtnis

Schmerzforscher Prof. Dr. med. Walter Zieglgänsberger.
Schmerzforscher Prof. Dr. med. Walter Zieglgänsberger.

Angst , so sagt Prof. Walter Zieglgänsberger vom Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie, einer der bekanntesten Schmerzforscher weltweit , Angst verstärkt den Schmerz. Seit über dreißig Jahren beschäftigt sich der Neuropharmakologe mit Fragen der Schmerzweiterleitung und Schmerzverstärkung. Als junger Wissenschaftler gelangen ihm bahnbrechende Entdeckungen und technische Entwicklungen im Bereich der Signalübermittlung von Nervenzellen. Nicht zuletzt dadurch weiß man, „wie Nervenzellen untereinander reden“, sagt der Schmerzforscher. Und man weiß mittlerweile, wie wandlungsfähig das Gehirn ist – der Ort , wo Schmerzsignale ankommen, modifiziert und gespeichert werden. „Schmerzgedächtnis“ lautet der Begriff, den Prof. Zieglgänsberger als Erster formuliert hat. „Früher dachten alle, Schmerz sei nur Information über eine Verletzung. Je schwerer, desto stärker der Schmerz. Aber so einfach ist es nicht“, stellt der Arzt klar. Schmerz werde von vielen Faktoren beeinflusst. Das Gespräch mit einem Arzt wirke vielfach schon schmerzreduzierend. Das sei durch Messung der Hirnaktivität nachzuweisen. „Das Problem sind gar nicht so sehr die großen, akuten Schmerzen“, betont Prof. Zieglgänsberger, „die kriegt man mit Medikamenten oder körpereigenen Systemen (z. B. Endorphinen) recht gut in den Griff. Die kleinen, stetigen, nörgelnden, die sind das Problem.“
Die chronischen Schmerzen. Die sich dem Gehirn einprägen. Sich selbst verstärkend: Anhaltende Schmerzreize lassen das Übertragungssystem so effektiv werden, dass schon ein kleinster Reiz oder ein ganz anderer Impuls ausreicht , um Schmerzen auszulösen. Auch Angst könne ein solcher Auslöser sein, so der Experte. Angst , dass der Schmerz wiederkommt. Gegen diesen heimtückischen und auch wirtschaftlich äußerst schädlichen Wiedergänger helfe nur eine multimodale Therapie. Das hat auch der Ende des Jahres 2011 veröffentlichte „Versorgungsatlas Schmerz“, ein Gemeinschaftswerk von Industrie und Krankenkassen, bestätigt. Der multimodale Ansatz könne ganz verschiedene Strategien beinhalten: ein schönes Konzerterlebnis, Medikamente, Bewegung, Physiotherapie oder auch den Einsatz von orthopädischen Hilfsmitteln. „Entscheidend ist , dass der Schmerz, wenn auch anfangs nur kurzfristig, deutlich weniger belastend wirkt“, weiß Prof. Zieglgänsberger.

Nicole Woysch beim Zieleinlauf des Ostseeman 2011: „Es war meine Wiedergeburt als Triathletin.“
Nicole Woysch beim Zieleinlauf des Ostseeman 2011: „Es war meine Wiedergeburt als Triathletin.“

Die Wiedergeburt

Nicole Woysch wusste erst einmal nicht , woran sie mit ihrem Schmerz war. „Beim Laufen habe ich nur darauf gewartet , dass er wieder auftaucht. Natürlich kam er prompt.“ Die eigentliche Ursache ihrer Beschwerden war ein neuronales Überlastungssyndrom, ausgehend vom Übergang des Sacrums zum LW 5, eine bekannte „Achillesferse“ bei Läufern. Der Umschwung für die 35-Jährige kam an einem Tag im August 2011. Zum Glück war ein wichtiger Mann in ihrem Leben rechtzeitig zur Stelle: Ihr Ehemann und gleichzeitig ihr Physiotherapeut Jan Woysch erhielt drei Tage vor einem Wettkampf ein Päckchen. Der Inhalt: die Rückenorthese SacroLoc. „Ich habe mich förmlich draufgeschmissen, meine letzte Hoffnung“, erinnert sich Nicole Woysch an diesen Tag. Auch die Erinnerung an den Zieleinlauf, 72 Stunden später, wird sie so schnell nicht vergessen: „Es war meine Wiedergeburt als Triathletin. Ich habe getanzt im Ziel. Während des Laufs spürte ich ständig in mich hinein und ich spürte – nichts! Der Schmerz war weg.“ Da wurde der Sieg fast schon zur Nebensache. Nach dieser fast unglaublichen Erfahrung trägt Nicole Woysch die Rückenorthese immer noch bei jedem Training oder Lauf, direkt auf ihrem Einteiler. „Sie stört mich überhaupt nicht. Ich kann wie gewohnt meinen Schritt ziehen“, freut sie sich.
Jetzt kommt es darauf an, dass die Triathletin schmerzfrei bleibt. Sie muss den Schmerz „verlernen“, indem sie weiterhin multimodal arbeitet. „Da haben wir als Therapeuten in der Vergangenheit Fehler gemacht“, bekennt Prof. Zieglgänsberger. „Sobald die Patienten schmerzfrei waren, ließen wir sie häufig allein.“ Bei Nicole Woysch seien da ihr Mann und die SacroLoc vor! Ganz wird es ihnen nicht gelingen, das Schmerzgedächtnis zu löschen. „Es gibt im Gehirn keine Taste, die alles auf Anfang setzt“, sagt der Forscher, der im Laufe seines Wissenschaftlerlebens schon viele Vorstellungen vom Gehirn kommen und gehen sah. „Wenn aber dieser so zerstörerische chronische Schmerz wegbleibt , haben wir unser Ziel erreicht. Anders als den Akutschmerz, ohne den menschliches Leben nicht denkbar ist , braucht den chronischen Schmerz kein Mensch!“

Bilder: Fotolia/psdesign1, Conny Kurz, www.marathon-photos.com