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Verordnung und Abgabe von Kompressionsstrümpfen Auch Ärzte müssen Strumpfqualitäten kennen

Ausgabe 02/2013

Der Erfolg der Kompressionstherapie hängt maßgeblich von der Therapietreue der Patienten ab. Und um diese bestmöglich zu fördern, ist eine sorgfältige Strumpfauswahl – und damit die Achtsamkeit von Arzt und Sanitätsfachhandel gleichermaßen – gefragt, findet Prof. Dr. med. Markus Stücker, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie.

Dank des Noppenhaftbands rutscht nichts.
Dank des Noppenhaftbands rutscht nichts.

Aufgrund ihrer Seitenastvarikosis an beiden Unterschenkeln sowie Varikosen an den Oberschenkeln wurde Heidi Z. vor drei Wochen mittels Miniphlebektomie operiert. Weitere Varizen-OPs liegen acht sowie 25 Jahre zurück. „Die Patientin mit klinischem Stadium nach CEAP-Klassifikation C3 hatte eine Schwellneigung und ein erhöhtes Risiko einer Oberflächenthrombose“, erläutert Prof. Dr. med. Markus Stücker, Leitender Arzt am Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum. Sowohl mit dem Ergebnis des Eingriffs als auch mit der konsequenten Therapietreue seiner Patientin ist er sehr zufrieden. Heidi Z. trägt seit acht Jahren Kompressionsstrümpfe – von morgens bis abends: „Damit fühle ich mich einfach wohler.“ Die sportlich sehr aktive 49-Jährige trägt den VenoTrain micro als Oberschenkelstrumpf. Dank seines hohen Mikrofaseranteils ist er besonders atmungsaktiv. Aber auch modische Aspekte sind der Verwaltungsangestellten wichtig, daher legte sie auch Wert auf einen Strumpf mit attraktiver Optik und einem Spitzenhaftband am Abschluss. „Meine Bekannten wollten gar nicht glauben, dass ich Kompressionsstrümpfe trage“, sagt Heidi Z. Laut Bonner Venenstudie haben immerhin jede fünfte Frau und jeder sechste Mann ein behandlungsbedürftiges Venenleiden. „Dennoch ist insbesondere bei leichten bis mittleren Venenleiden die Bereitschaft für eine Kompressionsstrumpftherapie mitunter gering“, so Prof. Dr. Stücker.

Der Schlüssel zum Therapieerfolg

Das Komfortbündchen sorgt für ein angenehmes Tragegefühl.
Das Komfortbündchen sorgt für ein angenehmes Tragegefühl.

Große geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Compliance sieht der Venenspezialist nicht, dagegen aber einige Besonderheiten. „Bei Frauen ist der kosmetische Aspekt sicherlich wichtiger als bei Männern. Darüber hinaus ist das Bindegewebe bei Männern und Frauen anders strukturiert. Männer zeigen beispielsweise erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium eines Venenleidens Schwellneigungen. Sie haben häufig als erste klinische Symptome Hautverfärbungen oder Ekzeme und dann meist schon ein fortgeschrittenes Venenleiden“, erklärt Prof. Dr. Stücker. Während Männer in der Regel meist nur Kniestrümpfe anzögen, wählten viele Frauen gerne auch Schenkelstrümpfe. Männer hätten zudem weniger Probleme mit trockener Haut und im Alter rein kraftbedingt oft einen gewissen Vorteil beim Anlegen der Strümpfe. „Generell ist die Compliance jedoch eher eine Frage der Schwere der Indikation, des Leidensdrucks und der erforderlichen Therapiedauer. Aber auch individuelle Bedürfnisse sollten nicht unterschätzt werden“, sagt Prof. Dr. Stücker. „Strumpfhersteller wie Bauerfeind bieten heutzutage glücklicherweise eine große Auswahl an medizinischen Kompressionsstrümpfen an, die entsprechend der Wünsche und persönlichen Erfordernisse des Patienten ausgewählt werden können. Das ist der Schlüssel zum Therapieerfolg.“

Parameter bei der Entscheidungsfindung

Selbstverständlich stehen auch für Prof. Dr. Stücker bei der Wahl des geeigneten Strumpfs die Indikation und daraus resultierend die richtige Kombination aus Kompressionsdruck und Festigkeit des Materials an erster Stelle. Zu weiteren wichtigen Parametern zählt unter anderem der Bindegewebstyp des Patienten. „Erst kürzlich kam eine Patientin, die ihre Strümpfe konsequent trug, deren Beine jedoch trotzdem anschwollen. Sie hatte sehr kräftige Fesseln und ein sehr weiches Bindegewebe. Die Stiffness respektive der Arbeitsdruck ihres bislang verwendeten Kompressionsstrumpfs reichte nicht aus. Hier war – wohlgemerkt innerhalb derselben Kompressionsklasse – eher ein festerer Strumpf, wie etwa der VenoTrain soft , angezeigt“, berichtet der Arzt. Er selbst macht auf dem Rezept konkrete Vermerke, wenn eine besondere Festigkeit des Strumpfs erforderlich ist. Ein weiterer Punkt sei das Strumpfhandling. Für manche Patienten, die in den Händen arthrotische oder rheumatische Veränderungen bzw.  schlichtweg nicht mehr genug Kraft haben, ist eine Anziehhilfe zwingend notwendig. In seltenen Fällen weicht Prof. Dr. Stücker auch schon einmal auf eine geringere Kompressionsklasse aus: „Konkret gibt es für mich zwei Gründe, von der Klasse 2 auf 1 zu gehen: Das sind – in der Regel bei älteren Patienten – Probleme beim Anziehen sowie das Vorliegen einer arteriellen Verschlusskrankheit.“

Auch Aussehen und Tragekomfort spielen eine Rolle

Als ebenfalls sehr bedeutsam schätzt er Aspekte wie Aussehen und Tragekomfort ein. „Wenn ein Patient beispielsweise viel schwitzt , sollte der Arzt ihn darauf hinweisen, dass er im Sanitätshaus nach Strümpfen mit Mikrofaser fragen soll. Auch die Ärzte sollten darüber informiert sein, welches Kompressionsstrumpfangebot es mit welchen Ausstattungsmerkmalen gibt“, betont Prof. Dr. Stücker. „Denn letztlich ist es doch so: Wenn eine Therapie nicht funktioniert , heißt es immer erst mal , der Arzt sei schuld. Deshalb gilt es auf allen Seiten zu überlegen, wie sich das bestmögliche Ergebnis erreichen lässt.“ Im Bochumer Venenzentrum klärt daher auch schon mal der Arzt über Strumpfqualitäten auf und zeigt einen Musterfächer. Aufklärungsbedarf herrsche mitunter auch darüber, dass „Rezept“ nicht automatisch „Apotheke“ bedeute. „Die qualitativ hochwertige Versorgung findet im Sanitätshaus wie auch in spezialisierten Apotheken statt“, sagt Prof. Dr. Stücker.

Bei der Strumpfauswahl gilt es von der Indikation bis hin zum Lebensstil verschiedene Parameter zu berücksichtigen.

Beratungsqualität im Fachhandel zahlt sich aus

Die meisten Patienten des Venenzentrums Bochum, des größten Schwerpunktzentrums seiner Art im Ruhrgebiet , kommen nach Vorsichtung durch den Haus- oder Facharzt. „Wir initiieren häufig die Erstversorgung mit medizinischen Kompressionsstrümpfen, die Fortführung der Therapie findet dann meist durch die zuweisenden Kollegen der Allgemeinmedizin statt. Diese orientieren sich in der Regel an der primären Versorgung“, weiß Prof. Dr. Stücker. Daher komme der Erstversorgung durch den qualifizierten Sanitätsfachhandel eine besonders große Bedeutung zu. Und auch wenn die Erstberatung sicherlich sehr aufwendig sei, lohne sich die Investition, appelliert er: „Wenn der Patient im Sanitätshaus kompetent beraten wird, einen geeigneten Strumpf bekommt und vielleicht auch noch Hinweise zur Hautpflege sowie Tipps zum Anziehen, wird er wiederkommen.“

Bilder: Stefan Durstewitz, Bauerfeind