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Über die Notwendigkeit von Pelotten in orthopädischen Einlagen „Jede Einlage ist sensomotorisch“

Ausgabe 03/2011

Gezielt Abstützen oder Weichbetten – für Prof. Dr. med. Heinz Lohrer ist vor allem wichtig, wie sich der Patient beim Tragen von orthopädischen Einlagen fühlt und dass er diese Hilfsmittel im Schuh akzeptiert. life sprach mit dem Ärztlichen Leiter des Sportmedizinischen Instituts in Frankfurt am Main über die Wirkung von Schuheinlagen sowie den präventiven und therapeutischen Einsatz von Pelotten.

In Sachen Aufbau orthopädischer Einlagen existieren bei den Orthopädie-Schuhtechnikern verschiedene Philosophien. Auf welche Voraussetzungen sollte ein verordnender Arzt achten?
Prof. Dr. Lohrer: Seitdem orthopädische Einlagen existieren, war die Fachwelt der Ansicht, dass man ein „Skeletal-Alignment“ macht, also Strukturen (auf)richtet. Inzwischen weiß man aber, dass das in der Regel nicht so ist, sondern dass die Einlagen sensomotorische Reize auf den Fuß geben. Diese werden im Gehirn verarbeitet und zurück auf die Muskulatur gegeben. Wir haben es also mit einer Veränderung der muskulären Aktivierung und der muskulären Spannung zu tun. Daraus haben sich meines Erachtens unnötigerweise zwei verschiedene Konzepte ergeben: die klassische und die sensomotorische Einlagenversorgung. Meine Studenten lernen, dass jede Einlage eine sensomotorische Einlage ist. Die Einlage induziert somit nichts anderes als einen mechanischen Reiz, der von meinem Nervensystem beantwortet wird.

Wann setzen Sie zusätzlich auf die Wirkung einer retrokapitalen Abstützung?
Prof. Dr. Lohrer: Schwerpunktmäßig beim Spreizfuß. Die Frage ist, ob sie präventiv eingesetzt werden sollte oder nicht. Ich bin der Ansicht, dass man die präventive retrokapitale Abstützung nicht als überzogene Stütze verwenden sollte. Wenn sie eingesetzt wird, dann sollte der Fuß abgeformt werden. Das heißt, ich darf durch die Stütze die gesamte druckaufnehmende Fläche vergrößern, aber keinen punktuellen Druck ausüben. Bei der therapeutischen Arbeit kann ich hingegen schon einen lokalen Druckpunkt setzen.

Lässt sich denn ein Spreizfuß mit einer Pelotte vollständig korrigieren und ist das überhaupt erwünscht?
Prof. Dr. Lohrer: Niemals. Wir könnten den Spreizfuß vielleicht stabilisieren, aber nicht korrigieren. Grundsätzlich erwünscht wäre die vollständige Korrektur zwar schon, würde aber nicht funktionieren. Um das zu erreichen, müssten wir mit harten Materialien intensiv unterstützen, aber das würde der Patient nicht tolerieren.

Die Pelotte muss retrokapital positioniert werden.
Die Pelotte muss retrokapital positioniert werden.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine perfekte Pelotte aus?
Prof. Dr. Lohrer: Ich bevorzuge eine Stütze, die breitflächig und etwas elastisch unter den Metatarsalia II bis IV an der Einlage oder am Schuh verteilt wird – das hat einen natürlicheren Charakter. Die perfekte Pelotte ist meines Erachtens viel flacher als bisher propagiert. Sie soll gerade so viel stützen, dass der (Spreiz-)Fuß in seine Ausgangslage, also in die normale anatomische Form, zurückgeführt wird. Mehr ist zu viel und führt zu den häufigen pelotteninduzierten Beschwerden. Als Material sollte Weichschaum verwendet werden, die Shore-Härte ist möglichst körpergewichtadaptiert.

Neben der Form spielt sicher auch die Position innerhalb der Einlage eine entscheidende Rolle?
Prof. Dr. Lohrer: Die Pelotte muss retrokapital positioniert werden, der Druck unter den Metatarsalköpfchen darf auf keinen Fall erhöht werden. Schließlich kommt es beim Spreizfuß regelmäßig zu einer Degeneration der plantaren Platten mit Partialrupturen. Und die sind für die Schmerzen zumindest mitverantwortlich.

Worauf ist beim Aufbau von Einlagen für Sportler zu achten?
Prof. Dr. Lohrer: Beim Sport haben sich die punktuell stützenden Pelotten in keiner Weise bewährt. Im Gegensatz zu einer breiten retrokapitalen Querwölbung. Bei dieser sollen die Grundgelenke des großen und kleinen Zehs auf dem Boden belassen werden. Dazwischen wird eine Wölbung eingearbeitet; und vorne, wo die metatarsalen Köpfchen ihren tiefsten Punkt haben, gibt es die planare Ebene, über die die Druckübertragung erfolgt.

Empfehlen Sie eine punktuelle bzw. flächig abgegrenzte Weichbettung?
Prof. Dr. Lohrer: Auch das ist ein sinnvoller Ansatz. Ausgangspunkt ist: Der Patient hat ein schmerzhaftes Problem, daher nimmt man die entsprechende Region aus der Belastung heraus. Ich würde also die betroffene Stelle frei legen und weich polstern. Prinzip: Freilegung, Weichpolsterung und Druckaufnahme auf die noch beschwerdefreien Anteile verlagern. Es muss jedoch im Einzelfall entschieden werden, was dem Patienten hilft.

Wem raten Sie, Einlagen ohne Pelotten ­zu tragen?
Prof. Dr. Lohrer: Beim gesunden Fuß würde ich von einer zusätzlichen Stützung absehen. Gerade im Sport kann die nur schaden, indem sie eine Druckspitze setzt. Bei einem gesunden Fuß muss ich dafür sorgen, dass er sich frei entfalten kann. Er darf nicht zusätzlich eingeengt werden, wenn die Einlage präventiv eingesetzt wird.

Wie konkret kann der verordnende Arzt das Rezept ausstellen?
Prof. Dr. Lohrer: Er kann das Rezept recht konkret ausstellen. Die Frage ist, wie es umgesetzt wird. Ich kann beispielsweise eine Weichbettungseinlage verordnen, aber 50 verschiedene Versionen von 50 verschiedenen Handwerkern erhalten. Wichtig ist für mich als Arzt, dass ich den Hersteller bzw. das Modell kenne, dann bekomme ich auch die Version, die ich will. Ist das nicht der Fall, muss ich konsequent kontrollieren. Der Arzt trägt die Verantwortung, deshalb ist die Kontrolle dessen, was die Handwerker abgeben, ein integraler Bestandteil der ärztlichen Therapie.

Bilder: Rainer Kraus


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