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Studien zur Beckenorthese SacroLoc Angewandte Grundlagenforschung

Ausgabe 03/2016

Die Anatomie der Iliosakralgelenke (ISG) zu erforschen, ist jeden Pioniergeist wert. Schritt für Schritt entsteht das Bild von „Hotspots“ am unteren Rücken. Wenn Grundlagenforschung unmittelbaren Therapienutzen kreiert , wie im Fall der SacroLoc, sprechen Wissenschaft und Praxis einhellig von Erfolg.

Bruno Harald Lurtz, Orthopäde und Schmerztherapeut in Berlin-Köpenick, schreibt den ISG einen Memory-Effekt zu.
Bruno Harald Lurtz, Orthopäde und Schmerztherapeut in Berlin-Köpenick, schreibt den ISG einen Memory-Effekt zu.

Nachdenklich streicht Bruno Harald Lurtz mit dem Zeigefinger über den Beckenkamm des Wirbelsäulenmodells. Die Frage an den Arzt lautete: „Welche Rolle spielen die ISG in der Praxis eines Orthopäden und Schmerztherapeuten?“ Sein Finger wandert bis zur unteren Wirbelsäule, dort wo Kreuz- und Darmbein die angesprochenen, gelenkigen Übergänge formen. Bruno Harald Lurtz hält inne. „Die ISG besitzen eine Art Memory-Effekt“, beginnt er. „Vor allem erinnern sie sich an Stürze auf den Stietz.“ „Stietz“, „Chassis“, „Landeklappen“ – der leidenschaftliche Orthopäde spricht eine bildhafte Sprache, wenn er Steiß, Becken oder Kreuz-/Darmbein meint. Eine Sprache, die seine Patienten verstehen. „Der Sturz auf den Stietz“, so der Arzt weiter, „auch wenn er schon viele Jahre zurückliegt , kann äußerst schmerzhafte Folgen haben.“
Was rund 20 Prozent aller Fälle in Lurtz‘ Diagnostikpraxis ausmachen – massive ISG-Problematiken – versuchten Forscherkollegen des Berliner Schmerzexperten mittels biomechanischer und klinisch-funktioneller Studien besser zu verstehen. Zu wenig war bekannt über die ISG, obwohl diese über kleine und kleinste Nutationen beweglichen Gelenke häufig Quelle tief sitzender Rückenbeschwerden und Blockaden sind. Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Chemnitz nahmen sich in zwei Studien den komplexen Verhältnissen an den ISG, inklusive Bändern und Muskeln, an. Denn sie wollten herausfinden, welche Wirkung genau die Beckenorthese SacroLoc auf die ISG ausübt. Schon die erste Studie (Ref. 1; siehe auch Bauerfeind life 2/2015) ließ aufhorchen: „Dass die Beckenorthese das Bewegungsausmaß der ISG nicht isoliert einschränkt , sondern auf komplexe Art verändert , ist ein neuer Befund für die wissenschaftliche Gemeinschaft“, stellte damals Studienleiter Prof. Dr. med. Niels Hammer heraus. „Aus unseren Daten wird klar, dass wir andere Parameter zurate ziehen müssen als nur eine isolierte Kompression.“

ISG-Therapie im Fokus

Für die erste SacroLoc-Studie wurde nach der Finiten-Elemente-Methode ein Computermodell des menschlichen Beckens entwickelt, um die Krafteinwirkung der Orthese auf die ISG messen zu können
Für die erste SacroLoc-Studie wurde nach der Finiten-Elemente-Methode ein Computermodell des menschlichen Beckens entwickelt, um die Krafteinwirkung der Orthese auf die ISG messen zu können

Während in der ersten Studie biomechanische Zusammenhänge die Effekte der SacroLoc auf die lokalen ISG-Bänder in den Fokus rückten, waren es in der zweiten Studie (Ref. 2) vor allem therapeutische Fragestellungen, die die Wissenschaftler interessierten. Die „medizinische Wirkung von ISG-Rückenorthesen auf klinische und funktionelle Parameter von Patienten mit Schmerzen im ISG“, so der Titel der Studie, sollte herausgearbeitet werden. Die nicht randomisierte, prospektiv-experimentelle Studie, 2015 in PLOS ONE veröffentlicht , wurde an Patienten mit ISG-Syndrom und einer Kontrollgruppe mit gesunden Patienten über einen Zeitraum von sechs Wochen durchgeführt. Untersucht wurden die Auswirkungen der Orthese auf die muskulären Strukturen und auf das individuelle Schmerzempfinden.

Lebensqualität steigt mit Anlegen der Orthese

Mit den Erkenntnissen der beiden Studien hat sich die bis dato überschaubare Datenlage rund um die ISG verbessert. Das wichtigste Ergebnis der zweiten klinischen SacroLoc-Studie lautet: Lebensqualität steigt mit Anlegen der Orthese! Die Probanden empfanden weniger Rückenschmerzen und berichteten von einer gesteigerten Beweglichkeit. Parallele Messungen der Muskelaktivität zeigten, dass unter Anlage der Beckenorthese die Stärke der Kontraktionen des Musculus rectus femoris nachließ. Der M. rectus femoris ist aufgrund des langen Hebelarms, den er auf die ISG ausübt, ein möglicher Auslöser für ISG-Beeinträchtigungen. Wahrscheinlich liegt in einer übermäßigen Kontraktion des Muskels der Grund für die schmerzhaften ISG, so vermuten die Autoren der Studie. Während bei ISG-Patienten und gesunden Probanden mit Beckenorthese im Einbeinstand keine sofortige Veränderung der Muskelaktivität nachweisbar war, verbesserte sich bei beiden Gruppen die Muskelansteuerung des M. rectus femoris beim Gehen signifikant und damit die übermäßigen Kontraktionen mit negativem Einfluss auf die ISG (Daten siehe Originalarbeiten).

Neuromuskuläre Beeinflussung vor mechanischer Kompression

Eine Untersuchung der Gangparameter zeigte zudem, dass die Beckenorthese dynamische Variablen stärker beeinflusst als statische: Weder bei ISG-Patienten noch bei gesunden Probanden ließen sich im Einbeinstand sofortige Änderungen der Bodenreaktionskräfte nachweisen, während sich in beiden Gruppen beim Gehen unmittelbar unter Orthesenanlage sowohl die Kadenz, das heißt die Schrittzahl pro Minute, als auch die Ganggeschwindigkeit erhöhten. Diese Befunde, so schließen die Wissenschaftler, weisen auf eine Erhöhung der posturalen Stabilität hin, was sich in einer Verbesserung der bei ISG-Patienten häufig beschriebenen Gangunsicherheit ausdrücken kann. Die Autoren der Studie folgerten weiterhin, dass die SacroLoc nicht nur eine mechanische Kompression des Beckens bewirkt , sondern auch eine neuromuskuläre Beeinflussung des Bewegungsapparats ausübt. Die Wirkung der Orthese beruhe auf der neuromuskulären Kopplung, in der die Bänder der ISG Messglieder und die Muskeln des Beckens Stellglieder sind. Darüber hinaus konnte in Computersimulationen gezeigt werden, dass es durch die Beckenorthese zu einer Entlastung der Bandstrukturen der ISG auch in statischen Situationen kommt (Daten siehe Originalarbeit).

Die zweite SacroLoc-Studie untersuchte über einen Zeitraum von sechs Wochen an Patienten mit ISG-Syndrom und gesunden Patienten den Einfluss der Orthese auf das Schmerzempfinden und die muskulären Strukturen. Die Messungen zeigten unter anderem eine Erhöhung der Kadenz (Schrittzahl pro Minute) und der Schrittgeschwindigkeit mit der SacroLoc. Patienten berichteten in diesem Zusammenhang von einer gesteigerten Beweglichkeit.
Die zweite SacroLoc-Studie untersuchte über einen Zeitraum von sechs Wochen an Patienten mit ISG-Syndrom und gesunden Patienten den Einfluss der Orthese auf das Schmerzempfinden und die muskulären Strukturen. Die Messungen zeigten unter anderem eine Erhöhung der Kadenz (Schrittzahl pro Minute) und der Schrittgeschwindigkeit mit der SacroLoc. Patienten berichteten in diesem Zusammenhang von einer gesteigerten Beweglichkeit.

„Studien sind gut , SacroLoc ist besser“

Die Ergebnisse der beiden SacroLoc-Studien zeigen, wie komplex das Zusammenwirken von Bändern und Muskeln an den ISG gesteuert wird. Diese Komplexität und Ausstrahlungskraft kann auch Bruno Harald Lurtz bestätigen. Die Blicke des Orthopäden wandern immer wieder zu diesen „Hotspots“ an seinem Wirbelsäulenmodell. Auch in situ sind sie ihm bestens bekannt. Über 400 Operationen führt er pro Jahr an der unteren Lendenwirbelsäule durch. Die Erkenntnisse der Studien unterstützen den Praktiker: „Es ist gut , dass es sie gibt. Ich kenne überhaupt nur 15 bis 20 auf diesem Gebiet. Mehr relevante Studien gibt es nicht“, sagt der Arzt.Besonders bestätigt fühlt sich der Köpenicker Schmerztherapeut bei der Rolle der Muskulatur als Stellglied an den ISG. „Ich beobachte häufig, dass mit einer fehlgeleiteten Beckenmuskulatur die gesamte Körperstatik auf dem Spiel steht.“ Studientheorie ist das eine, Praxis das andere. „Mit dem Wortlaut der Studie muss ich meinen Patienten allerdings nicht kommen, besser ist die SacroLoc“, so Bruno Harald Lurtz. „Schmerzreduktion und Wiedererlangung der Mobilität sind nämlich für meine Patienten und mich das einzig Entscheidende.“

Auch neuromodulatorische Wirkung möglich

Unter allen Umständen gelte es zu vermeiden, die Beschwerden chronisch werden zu lassen, fordert der Arzt nachdrücklich. Mit der SacroLoc, bestehend aus einer Kombination aus elastischem und unelastischem Gestrick, kann der Orthopäde seine Schmerzpatienten gezielt stützen und stabilisieren. Die Orthese entlastet Becken und lokalen Bandapparat und – für Bruno Harald Lurtz überaus wichtig – die SacroLoc stimuliert bei Bewegung über zwei Pelotten die Triggerpunkte der ISG. Ihre Friktionsnoppen wirken besonders auf die Ansätze der stabilisierenden Bänder, Sehnen und Muskeln ein. Das fördert die Durchblutung, entkrampft und löst Verspannungen. Ähnliche analgetische Effekte erzielt der Orthopäde, wenn er Schmerzpatienten mit der TENS-Technik (transkutane elektrische Nerven-Stimulation) behandelt. Dabei bewirken oberflächlich angebrachte Elektroden, so die Theorie, eine Aktivitätshemmung der sogenannten Nozizeptoren, der Schmerzrezeptoren der Haut. „Diese Beeinflussung der Schmerzbahnen, wie sie auch die Friktionsnoppen der SacroLoc möglicherweise ausüben, eine solche Neuromodulation, gewinnt in der Schmerztherapie mehr und mehr an Bedeutung“, weiß der Arzt. Muskeln, Bänder, Nerven – an den ISG hängt vieles.

Fazit der SacroLoc-Studien

Die zwei wegweisenden Studien belegen, dass die Rückenorthese SacroLoc sowohl biomechanische als auch neuromuskuläre Effekte an den ISG entfaltet. Damit beeinflusst sie den gesamten Bewegungsablauf sowie die Stabilisierung der Wirbelsäule. Tiefe Rückenschmerzen können reduziert werden. Die mehrwöchige Anlage der Beckenorthese führt zu einer signifikanten Verbesserung der schmerzbezogenen Lebensqualität. Die Zusammenschau der morphologischen, klinischen und funktionellen Befunde zeigt , dass Beckenorthesen vor allem in dynamischen Situationen und unter längerfristiger Anwendung ihr therapeutisches Potenzial entfalten.

„ISG-Studien erweitern das Therapiespektrum“

Ref. 1: Sichting F, Rossol J, Soisson O, Klima S, Milani T , Hammer N. Pain Physician. 2014 Jan–Feb; 17(1): 43–51. Pelvic belt effects on sacroiliac joint ligaments: a computational approach to understand therapeutic effects of pelvic belts.
Ref. 2: Soisson O, Lube J, Germano A, Hammer K-H, Josten C, Sichting F, Winkler D, Milani T , Hammer N. PLOS ONE 10. 1371/journal.pone. 0116739. published 17 Mar 2015. Pelvic belt effects on pelvic morphometry, muscle activity and body balance in patients with sacroiliac joint dysfunction.
[www.plosone.org].

Bilder: Bauerfeind, privat, Anika Büssemeier