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Studie zu venösen Beinbeschwerden Beschwerdelinderung schon mit Kompressionsklasse 1

Ausgabe 01/2016

Dr. med. Werner Blättler, Facharzt für Innere und Gefäßmedizin aus Wädenswil (Schweiz), leitet derzeit eine Studie, die den Zusammenhang zwischen einer Zunahme des Beinvolumens und dem Auftreten unangenehmer Gefühle in den Beinen bei längerem Stehen untersucht. Ihn interessiert dabei auch, ob sich beide Phänomene durch Kompression verhindern oder zumindest reduzieren lassen.

Unter welchen Bedingungen treten die unangenehmen Gefühle besonders auf und wer ist davon betroffen?
Dr. Blättler: Die Kernsymptome sind Gefühle von Unbehagen bis Schmerz, gepaart mit Gefühlen von Stauung, Schwellung, schweren Beinen und ähnlichen Symptomen. Sie sind typischerweise abhängig von der Temperatur und der körperlichen sowie beruflichen Aktivität. Oft haben sie keinen Fahrplan und sie sind meist flüchtig. Frauen sind davon deutlich häufiger betroffen; aber Risikofaktoren im eigentlichen Sinne kann ich nicht nennen.

Studienleiter Dr. med. Werner Blättler, Facharzt für Innere und Gefäßmedizin aus Wädenswil (CH).
Studienleiter Dr. med. Werner Blättler, Facharzt für Innere und Gefäßmedizin aus Wädenswil (CH).

Wie entstehen diese Gefühle?
Dr. Blättler: Im Allgemeinen gilt: Gefühle sind in jedem Organismus verwirklichte geistige Leistungen des zentralen Nervensystems im Dienst der Basisfunktionen des Körpers. Es geht um die Überwachung des Gleichgewichts im inneren Milieu des Körpers, die Homöostase. In jedem Gewebe besteht ein dichtes Netz feiner Nervenfasern, welche jede Abweichung von der homöo­statischen Normalität einfangen, entschlüsseln, mit einer Diagnose versehen und in Nerven­signale transformieren. Die Signale werden unmittelbar jenen Zentren des Hirns zugeleitet, in welchen Gefühle gebildet und verarbeitet werden.
Bezüglich der venösen Beinbeschwerden im Speziellen kann die alte Hypothese in modifizierter Form gelten: Die Störung der Homöo­stase ist bedingt durch Phänomene, welche mit dem aufrechten Stehen und Gehen des Menschen zusammenhängen. Bei ruhigem Stehen sind sowohl der arterielle Einstrom in die Beine als auch der venöse Rückfluss reduziert. Die Kontrolle der Homöostase in einem engen Bereich erfordert Interaktionen mit anderen Geweben, insbesondere mit Muskeln und Gelenken. Diese werden im Gehirn gesteuert, wobei Gefühle und Reaktionen ausgelöst werden, welche der Mensch sehr wohl formuliert, ohne die biologische Bedeutung zu kennen; z. B. „Jetzt muss ich mal aufstehen, Füße vertreten!“.

Worunter leiden die Betroffenen am meisten? Sind es die unruhigen Beine, Stress oder dass die Beine nicht mehr so attraktiv sind?
Dr. Blättler: Gefühle entstehen im Gehirn, werden aber am Ort der Störung empfunden. Sie unterliegen modifizierenden externen und internen Einflüssen (Umweltzustände, psychische Situation, Erinnerung, Emotionen, Geschlecht, Alter, Persönlichkeit etc.). Entsprechend besteht zwischen dem Ausmaß der homöostatischen Störung und der Art und Stärke der Gefühle kein einfacher Zusammenhang. Äußerlich venengesunde Menschen können erheblich leiden und eine deutlich reduzierte Lebensqualität aufweisen, während Menschen mit ausgeprägten Krampfadern oft keine Beschwerden empfinden. Gestörte Vitalgefühle (Müdigkeit, Depressivität etc.) können ebenso wie autopsychisch bestimmte Gefühle auftreten, so z. B. das erwähnte Gefühl, unattraktive Beine zu haben. Die Symptome können sehr wohl Folge der gestörten Homöostase der Beine sein, aber auch im Sinne einer überwertigen Idee gesehen werden, welche die an sich physiologischen Phänomene verstärken.

Sie haben in die Studie bislang 50 venengesunde Probanden eingeschlossen. Wie ­verbreitet sind denn Beinsymptome bei Venengesunden?
Dr. Blättler: Etwa die Hälfte der Menschen der Durchschnittsbevölkerung klagen über gelegentliche Beinbeschwerden. Bei der Hälfte davon ist keine organisch fixierte Venenerkrankung nachzuweisen.

Zur Studie gehört ein Stresstest in Form von „Stehen ohne Bewegung“. Wie läuft dieser ab?
Dr. Blättler: Alle Menschen erleben im Stehen eine Volumenzunahme der Beine, etwa 100 Milliliter pro Bein in zehn Minuten. Bisher unbekannt war, ob diese Volumenzunahme mit Beschwerden einhergeht, ja sie vielleicht sogar verursacht. In unserem Test lassen wir Probanden unbewegt stehen und messen jede Minute das Beinvolumen mit Bodytronic 600. Jede Minute fragen wir: „Wie viel Beschwerden empfinden Sie jetzt?“ Den Probanden wird eine Skala vorgehalten, so dass sie antworten können, ohne sich zu bewegen. Sie benennen eine Zahl zwischen 0, d. h. keine Beschwerden, und 10, d. h. sehr starke Beschwerden. Am Ende fragen wir nach der Art der Beschwerden.

Volumenzunahme und Beschwerden bei längerem Stehen
Volumenzunahme und Beschwerden bei längerem Stehen

Hängen die Beschwerden mit der Volumen­zunahme zusammen?
Dr. Blättler: Eine Volumenzunahme tritt bei allen, Beschwerden in unterschiedlichem Ausmaß bei den meisten Probanden auf. Die Volumenzunahme erfolgt sehr schnell und verlangsamt sich dann. Die Beschwerdezunahme nimmt gleichbleibend zu bis zum Ende des Stehens. Die Dynamik der beiden Phänomene ist also ganz unterschiedlich und es besteht auch statistisch keine Beziehung zwischen Volumenzunahme und Beschwerden.

Reduzieren Kompressionsstrümpfe die Volumenzunahme beim Stehen und wie verhält es sich mit der Beschwerdelinderung?
Dr. Blättler: Ja. Der Strumpf VenoTrain micro in Kompressionsklasse (Ccl) 2 tut dies von Anfang an, der Strumpf VenoTrain micro balance der Ccl 1 erst in der zweiten Phase des Stehversuchs. Insgesamt verhindert der Strumpf Ccl 2 die Volumenzunahme besser. Jedoch spürt der Betroffene die Zunahme des Volumens nicht, die von Beschwerden dagegen schon. Da konnten wir eine spürbare Symptomreduzierung unter Kompression nachweisen – und die war unabhängig von der Höhe der Kompression.

Welche besonderen Erkenntnisse konnten Sie bis jetzt durch die Studie erlangen?
Dr. Blättler: Unerwartet war die Bedeutung der einzelnen beim Stehen auftretenden Symptome. Kribbeln, ein eher neurologisches Symptom, wurde häufig erwähnt und sehr stark empfunden, noch stärker als Druck- und Spannungsgefühle, welche als typische Venensymptome gelten. Die Strümpfe reduzierten alle Symptome, die leichten Strümpfe sogar etwas besser als die straffen.

Welche Kompressionsklasse empfehlen Sie bei Venenbeschwerden ohne starkes Ödem?
Dr. Blättler: Unsere Untersuchungen bestätigen schon seit ein paar Jahren bekannte Ergebnisse klinischer Studien, welche besagen, dass venöse Beinbeschwerden mit und ohne Ödemneigung mit leichten Kompressionsstrümpfen sehr gut behandelt werden können. Deutsche Phlebologen verordnen zu mehr als 90 Prozent Strümpfe der Klasse 2. Das ist sicher nicht richtig und kann und sollte im Interesse der Patienten geändert werden. In Frankreich werden die meisten Patienten mit Strümpfen entsprechend der deutschen Klasse 1 behandelt – mit ausgezeichnetem Erfolg.

Bilder: Bauerfeind