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Studie zur funktionellen Wirksamkeit der MalleoTrain Prospektiv wirksam

Ausgabe 01/2020

Am Sprunggelenk herrscht großes Forschungsinteresse: Wie effektiv kann die Bandage MalleoTrain in der Sprung­gelenktherapie sein? Eine Studie der Technischen Universität und des Klinikums Chemnitz soll Antworten geben. Eine steht bereits im Raum: prospektiv wirksam.

Die Verantwortlichen der Chemnitzer Studie (von links): Dr. med. Ludwig Schütz, Dr. med. Anica Kilper, Laura Niklaus und Prof. Dr. Thomas Milani.

Bandverletzungen des oberen Sprunggelenks machen ein Drittel aller Traumata aus, Distorsionen sind die häufigste Verletzungsart überhaupt. Will man chronische Instabilitäten verhindern und mögliche Spätfolgeschäden wie Arthrose verhindern, müssen Diagnose und Therapie die Gelenkfunktion in den Vordergrund stellen. Um hierzu die Wirksamkeit der Bandage MalleoTrain innerhalb eines konservativen Therapieregimes zu untersuchen, wird in Chemnitz eine umfangreiche Studie durchgeführt. Forschende Partner sind die Professur Bewegungswissenschaft der Technischen Universität (TU) mit ihrem Leiter Prof. Dr. Thomas Milani sowie die Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Klinikum Chemnitz mit dem Chefarzt Dr. med. Ludwig Schütz. „Verletzungen im Fußbereich werden häufig unterschätzt“, betont Dr. Schütz. „Hohe Fallzahlen und lange Krankheitsverläufe unterstreichen die Wichtigkeit der Untersuchung.“ Prof. Milani umreißt die Inhalte: „Zentral für die Studie ist der Wirkungsnachweis der Bandage. Gleichzeitig interessiert uns, wie der Körper auf eine solche Unterstützung reagiert. Das ist eine sehr komplexe Frage, die auch propriozeptive und sensomotorische Aspekte beinhaltet.“

Sarah ­Heidinger von der TU Chemnitz demonstriert den modifizierten Y-Test mit der MalleoTrain. Er stellt höchste Anforderungen an die funktionelle Stabilität der Probanden.

Ist die funktionelle Stabilität beeinträchtigt?

Um möglichst alle Aspekte zu beleuchten, werden mehrere Untersuchungsverfahren kombiniert und ausgewertet. Einer der aussagekräftigsten Tests zur funktionellen Stabilität ist der Y-Balance-Test. Der Proband steht auf dem Bein mit dem verletzten Sprunggelenk und versucht , das andere Bein so weit wie möglich abzuspreizen: nach vorne, hinten-außen, hinten-innen. Der Test stellt höchste Ansprüche an Kraft , Stabilität , Beweglichkeit , Gleichgewicht und Koordination. „Entsprechend hoch sind die messbaren Leistungseinbußen, sobald ein Parameter beeinträchtigt ist“, erklärt Studienleiterin Laura Niklaus von der TU (siehe auch Interview): „Der Y-Test wird aufgrund seiner Einfachheit , aber komplexen Anforderungsprofils an den Patienten sehr häufig im therapeutischen Bereich angewandt. In den vergangenen Jahren gewann er zunehmend an wissenschaftlicher Popularität.“

Messungen des Rückfußwinkels mit Inertialsensoren

Teil des Studiendesigns ist auch der Center of Pressure (CoP) im Einbeinstand: Zweimal zwanzig Sekunden lang werden über eine Druckmessplatte dabei Belastungsmuster erfasst. „Der CoP gilt in der Bewegungswissenschaft als der Parameter schlechthin zur Evaluierung der Gleichgewichtsfähigkeit“, erläutert Laura Niklaus. Ebenfalls aufschlussreich für die Forscherinnen und Forscher ist die Ganganalyse. Bisher stellte VICON, ein laborbasiertes Kamerasystem für die wichtigen Messungen des Rückfußwinkels bzw. der Rückfußbewegungen, den Standard dar. „Seit kurzem werden zunehmend Inertialsensoren bei wissenschaftlichen Fragestellungen verwendet , da sie mobil einsetzbar sind“, so die Studienleiterin. „Ein Verfahren, mit dem auch wir arbeiten.“ Inertialsensoren an der Ferse sind insofern hilfreich, weil sie Asymmetrien aufzeigen können, die das Gangbild weniger harmonisch und dadurch instabiler machen.

Der Gelenkwinkelreproduktionstest gibt Aufschluss über die Feinkoordination.

Einzigartiger Gelenkwinkel­reproduktionstest

Eine weitere Besonderheit der Chemnitzer Untersuchungsmethodik stellt die Anwendung des Gelenkwinkelreproduktionstests dar. Dieser Test wird vor allem nach Kreuzbandverletzungen eingesetzt , um die möglicherweise eingeschränkte propriozeptive Leistung des Knies abzubilden. Die Bewegungswissenschaftler der TU haben den Gelenkwinkelreproduktionstest so modifiziert , dass er auch für die Sensomotorik des Sprunggelenks genutzt werden kann – mit einer einzigartigen Konstruktion: Der Fuß steht frei auf einem Kippbrett , wobei durch kleinste Bewegungen im Sprunggelenk der Fuß leicht in Pronation und Supination gebracht wird. Der Proband ist angehalten, durch die feinen Kippbewegungen eine sich verändernde Linie auf einem Bildschirm möglichst exakt nachzuzeichnen. Dabei soll sich zeigen, ob der räumliche Stellungssinn, eine propriozeptive Leistung, die richtigen Anweisungen für die Motorik gibt.

Dr. med. Anica Kilper prüft bei der ärztlichen Voruntersuchung im ventralen Schubladentest den Talusvorschub.

Sprunggelenktherapie in vielen Fällen insuffizient

Um Fragen nach Gleichgewichtsfähigkeit , Feinkoordination und am Ende zur Stabilität beantworten zu können, sind noch einige Messreihen notwendig für Laura Niklaus und die Master-Studierenden Sarah Heidinger, Dennis Kaiser und Timo Len­ders, die in ihren Abschlussarbeiten akute Effekte der MalleoTrain auf das Gang­bild und das Gleichgewicht sowie die Langzeiteffekte auf das Gleichgewicht analysieren. Auch die subjektiven Einschätzungen der Probanden zu Stabilitätsgefühl , Schmerzempfinden oder Komfort beim Tragen der Bandage werden zur abschließenden Auswertung herangezogen. Vorher muss allerdings die Prüfärztin Dr. med. Anica Kilper von der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie noch die passenden Voraussetzungen schaffen. Nach der Erstversorgung der potenziellen Probanden in der Notaufnahme des Klinikums klärt sie durch eingehende Untersuchungen wie etwa Aufklappbarkeit des Gelenks oder Talusvorschub, ob die Aufnahmekriterien erfüllt sind. Das entscheidende lautet „akute Erstsupination“. Dabei spiegelt sich das grundsätzliche Problem am Fuß wider, wie die Ärztin berichtet: „Von zehn Patienten mit Supinationsverletzungen erfüllt nur einer das Kriterium ‚akute Erstverletzung‘. Alle anderen sind entweder chronisch instabil , haben ein Rezidiv erlitten oder sind vor langer Zeit schon ein- oder mehrmals umgeknickt. Das deutet darauf hin, dass die Sprunggelenktherapie in zu vielen Fällen insuffizient ist.“

Besseres Gleichgewichtsgefühl mit MalleoTrain

Bei der Chemnitzer Studie deutet sich dagegen jetzt schon eines an: „Fast alle Probanden berichten, dass ihr subjektives Gleichgewichtsgefühl mit der MalleoTrain besser ist als ohne“, sagt Laura Niklaus. „Das ist vielversprechend, denn mit einem subjektiv guten Gefühl fassen die Patienten Selbstvertrauen, sie kommen in Bewegung, sie nutzen ihren Fuß wieder. Das ist sehr, sehr wichtig!“ So lässt sich jetzt schon eine Hypothese zum Ausgang der Studie aufstellen: prospektiv wirksam.

Studiendetails: MalleoTrain nach Erstsupinationstrauma

Probanden: n = 60; 30 mit MalleoTrain, 30 ohne MalleoTrain

Design: prospektiv, kontrolliert , randomisiert

Messschema: Die experimentellen und klinischen Daten werden zu T1 und T2 bestimmt:
T1: 5 Wochen posttraumatisch (nach DGU-leitlinien­gerechtem Tragen einer Orthese)
T2: 7 Wochen posttraumatisch nach zweiwöchiger Tragezeit der Bandage

Einschlusskriterien: Erstdiagnose OSG-Distorsion oder Außenbandläsion, akutes Trauma, nicht älter als drei Tage

Ausschlusskriterien: Frakturen des Sprunggelenks, vorangegangenes Trauma des Sprunggelenks kürzer als
ein Jahr bzw. chronische Sprunggelenkinstabilität

Untersuchungsmethoden:
Ganganalyse: plantare Druckverteilung beim Gehen in selbstgewählter Geschwindigkeit ,
Messung der Rück­fußbewegung mit Inertial­sensoren
Gleichgewichtstests: Y-Balance-Test , Center of Pressure (CoP)
Gelenkwinkelreproduktionsteragebögen zur subjektiven Selbsteinschätzung:
Foot Function Index (FFI), Visuelle Analogskala (VAS), selbst erstellter Evaluationsbogen

Bilder: Frank Steinhorst


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