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Sprunggelenkverletzungen und Achillodynien „Bei chronischer Instabilität leidet auch die Achillessehne“

Ausgabe 03/2012

Eine der stärksten Sehnen des Körpers gerät vermehrt ins Blickfeld der Sportmediziner. Verletzungen des Sprunggelenks sowie Fehlstellungen können der Achillessehne auf ­Dauer das Leben schwer machen. Das sagt Prof. Dr. med. Dr. phil. Victor Valderrabano, Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Universitätsspitals Basel.Ein Therapiepaket, bestehend aus Physiotherapie, orthopädisch wirksamen Einlagen und Bandagen, könne die Pathologien am Rückfuß aufbrechen, so der Fuß- und Sehnenspezialist.

Der Fuß erhält viel Aufmerksamkeit im ­Moment. Woran liegt das?
Prof. Valderrabano: Man kann tatsächlich ein gesteigertes medizinisches Interesse am Fuß feststellen. Das liegt aber weniger an uns Ärzten, sondern mehr am Verhalten der Patienten. Sportarten, die den Fuß belasten, und das sind nicht wenige, stehen hoch im Kurs. Untrainierte überschätzen sehr häufig ihre Fähigkeiten. Sie wollen es Roger Federer auf dem Tennisplatz gleichtun, obwohl ihr körperliches Leistungsvermögen und ihre neuromuskulären Fähigkeiten die eines Büromenschen sind. Da passieren die Unfälle. Des Weiteren schlagen die unbeweglichen, oft übergewichtigen Menschen zu Buche. Jedes Kilo, das sie zu viel tragen, potenziert sich am Fuß zu einer kontinuierlichen Last. Das sind die Hauptfaktoren …

… die das Knie aus den Praxen verdrängen?
Prof. Valderrabano: Das sicher nicht. Richtig ist aber, dass bestimmte Erfolge am Knie, wie beispielsweise frühfunktionelle Therapien, zu einem gewissen Rückgang der Knieproblematiken beigetragen haben. Auch spezielle Präventionsmaßnahmen können dafür verantwortlich sein.

Ausgewiesener Fußspezialist: Prof. Dr. med. Dr. phil. Victor Valderrabano, Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Universitätsspitals Basel.
Ausgewiesener Fußspezialist: Prof. Dr. med. Dr. phil. Victor Valderrabano, Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Universitätsspitals Basel.

Sind diese Erfolge auf den Fuß übertragbar?
Prof. Valderrabano: Der Aufbau des Fußes ist einzigartig, seine Strukturen sind äußerst kleinteilig. Wenn Sie nur eine Komponente minimal ändern, kann es Auswirkungen auf das Zusammenspiel des gesamten Gefüges haben. Ein Beispiel: Gedehnte Bänder der Hüfte oder des Knies haben weniger gravierende Folgen für die Stabilität des jeweiligen Gelenks als ein gedehntes Band im Sprunggelenk. Dort reichen schon ein bis zwei Millimeter Elongation aus, um eine Instabilität hervorzurufen. Zwei Millimeter zu viel führen im Sprunggelenk bei jedem Schritt kurzfristig zu 40 Prozent Krafterhöhung, weil der Talus ständig subluxiert. Was drei, vier oder fünf Millimeter bewirken, können Sie sich ausmalen.

Sie sehen mit Ihrem Baseler Team über 1.000 Füße im Jahr. Ist Instabilität das große Problem?
Prof. Valderrabano: Nicht nur am Fuß. Aber im Sprunggelenk kann die Instabilität nach Supinationstraumen wie der fibularen Bandruptur, der häufigsten Sportverletzung überhaupt , sehr schnell chronisch werden. Vor allem, wenn diese nicht erkannt oder falsch therapiert wird – mit fatalen Konsequenzen. Achillessehnenerkrankungen sind das eine, Arthrose unter Umständen das andere (Valderrabano et al., s. Ref.).

Gerade die ‚konservativen ­Paketlösungen’ mit Einlagen besitzen eine hohe Evidenz.
Die Patienten profitieren sehr stark davon.“ (Prof. Dr. Dr. Valderrabano)

Steht eine Achillessehnenproblematik in einem direkten Zusammenhang mit Fuß- bzw. Sprunggelenkverletzungen?
Prof. Valderrabano: Ja, es gibt tatsächlich viele Fälle, in denen beide Regionen, sowohl das Sprunggelenk als auch die Achillessehne, ein großes Problem darstellen respektive zu einem solchen werden. Der Grund ist: Bei chronischer Instabilität verlaufen die Bewegungsachsen nicht ideal. Ein Malalignement tritt auf. Beispielsweise hat eine Instabilität im lateralen oberen Sprunggelenk oft eine Varusstellung des Rückfußes zur Folge. Diese Fehlstellung wiederum bedingt , dass die ideale Zugkraftlinie der Achillessehne aus dem Lot gerät – Achillodynien entstehen.

Wenn Sie diese Schmerzzustände an der ­Achillessehne präzisieren – was überwiegt?
Prof. Valderrabano: Meist liegen tendinöse Probleme vor, also Problematiken am Achillessehnenansatz, Tendinopathien. Überbelastungen verstärken die Symptomatik. Ursachen der Tendinopathien können auch alle möglichen intrinsischen und extrinsischen Faktoren sein: idiopathische Fehlstellungen des Rückfußes, ungeeignetes Schuhwerk, inadäquate Trainingsmethoden, Dysbalancen, fehlende muskuläre Geschmeidigkeit , Alterserscheinungen. Auch die Haglund-Exostose oder eine Bursitis im Sehnenansatzbereich sind häufig Auslöser der Beschwerden.

Wie lange hält die Achillessehne diese ­Beschwerden aus?
Prof. Valderrabano: Die Achillessehne leidet lang. Und auf einmal ist sie tendinös so verändert und in der Fassung so nekrotisch, dass eine unvorsichtige Bewegung reicht , und sie reißt! Selten traumatisch, selten tritt die Ruptur auf einem sauberen, gesunden Achillessehnenboden auf. Wenn, dann geschieht dies im Profisport oder bei einem Unfall. In drei Viertel aller Fälle aber reißt die Achillessehne auf einem kranken Sehnenboden.

Wie kann man der Achillessehne wieder einen gesunden Boden bereiten?
Prof. Valderrabano: Bei der Therapie muss immer das Gesamtbild gesehen werden. Wenn eine Achillodynie in Zusammenhang mit einer chronischen Instabilität vorliegt , reicht es nicht aus, nur an einer Schraube zu drehen. In der Regel erhalten solche Patienten ein Therapiepaket von mir. Das enthält , je nach Indikation, unter anderem physio­therapeutische Maßnahmen, auch Stoß­wellentherapie. Hinzu kommen eine Bandage für die Stabilisierung des Sprunggelenks, wie etwa die MalleoTrain oder in schwerwiegenderen Fällen die Orthese MalleoLoc, und Einlagen. Die Professional Ferse von Bauerfeind entlastet den empfindlichen Bereich unter der Ferse. Gerade die „konservativen Paketlösungen“ mit Einlagen besitzen eine hohe Evidenz. Die Patienten profitieren sehr stark davon.

Ref.: Valderrabano V., Hintermann B., Horisberger M., Fung T. S., Ligamentous posttraumatic ankle steoarthritis, Am J Sports Med (2006), 34, 612–620.

Bild: Stefan Durstewitz