Kompressionsstrümpfe/ Lymph und Lipödem

„Keine Angst vor Schwangerschaft“

Lip- und Lymphödem

Von Bauerfeind Life Magazin

Kurz & knapp Dr. med. Anya Miller, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie (DGL), betreut in ihrer Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Phlebologie und Lymphologie viele Patientinnen mit Lip- oder Lymphödem während ihrer Schwangerschaft. Mit der passenden Therapiebegleitung bestehe kein Grund zur Angst für die Patientinnen. Wichtig sei:

  • Engmaschige Begleitung der Patientinnen zur kontinuierlichen Kontrolle der Ödeme
  • Frühes Involvieren der Physiotherapeuten in die schwangerschaftsadaptierte Therapie
  • Gute Kompressionsbestrumpfung mit flachgestrickten Produkten und mitunter individuellen Lösungen. Entscheidend ist, dass die Kompression immer dem wachsenden Bauchumfang angepasst ist. Verschiedene Leibteilgrößen oder der komplette Austausch der Strumpfhose im Lauf der Schwangerschaft sichern die optimale Versorgung.

Schwangerschaft Kompression

Wie sie die Therapie von schwangeren Patientinnen mit Lip- oder Lymphödem begleitet, erläuterte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie (DGL), Dr. med. Anya Miller, im Gespräch mit Bauerfeind life. In ihrer Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Phlebologie und Lymphologie betreut sie viele Ödempatientinnen und kennt deren Ängste in Bezug auf eine Schwangerschaft.

Dr Miller
Gerade während der Schwangerschaft gibt die maßgefertigte Kompressionsversorgung Patientinnen mit Lip- und Lymphödem die nötige Sicherheit.

life: Frau Dr. Miller, kommt es vor, dass ein Lip- oder Lymphödem durch eine Schwangerschaft ausgelöst wird?

Dr. Miller: Das ist theoretisch möglich. Beim Lipödem sprechen wir davon, dass es meistens in Phasen hormoneller Veränderung ausbricht. Das ist nach der Pubertät der Fall und das ist ganz oft während der Menopause der Fall – und prinzipiell können es auch Schwangerschaften sein. Ich habe durchaus auch Patientinnen, die sagen, bei mir ging es nach der Schwangerschaft los. Aber wir haben keine Studien oder Beweise dafür, dass Lipödeme oder Lymphödeme verstärkt durch eine Schwangerschaft ausgelöst werden. Prinzipiell kann ein primäres Lymphödem, je nachdem wo der genetische Defekt liegt, während des ganzen Lebens erstmalig auftreten. Das sind oft Phasen, in denen das Lymphgefäßsystem kurzfristig stark belastet ist. Das kann durch Sport sein, das können Entzündungen sein, das kann natürlich auch eine Schwangerschaft sein. Insgesamt ist das Risiko einer Gestation als Auslöser für eine chronische Ödemerkrankung aber eher gering.

Wie wirkt sich die hormonelle Umstellung während der Schwangerschaft auf Patientinnen mit bestehender Ödemerkrankung aus?

Dr. Miller: Hier ist ein großer Unterschied zwischen Lip- und Lymphödem. Bei der Lymphödem-Patientin kann das Ödem im Laufe der Schwangerschaft mitunter zunehmen. Auch im Hochsommer bei Hitze kann die schwangere Patientin stärkere Beschwerden haben. Ich kenne keine Patientin, bei der während der Schwangerschaft das Lipödem plötzlich sehr progredient war. Schwierig ist, dass trotz des oft jungen Alters ein nicht unerheblicher Teil der Lipödem-Patien­tinnen begleitend eine Adipositas hat. Tritt eine Schwangerschaft kombiniert mit Adipositas auf, dann ist auch das Risiko höher, dass sich ein Ödem bildet. Sollte die Lipödem-Patientin während der Schwangerschaft und der Gewichtszunahme zusätzlich Lymphödem-Probleme bekommen, dann kann man vorsichtig mit Lymphdrainage beginnen.

Gerade während der Schwangerschaft gibt die maßgefertigte Kompressionsversorgung Patientinnen mit Lip- und Lymphödem die nötige Sicherheit.

Was ändern Sie darüber hinaus an der Therapie für schwangere Ödempatientinnen?

Dr. Miller: Ich begleite die Patientinnen engmaschig und dann haben wir die Ödeme richtig gut im Griff. Ich betreue vorrangig Patientinnen mit primärem Lymphödem, die schwanger werden bzw. die schwanger werden wollen. Wir involvieren frühzeitig den Physiotherapeuten und sie erhalten eine schwangerschaftsadaptierte Therapie. Wichtig ist die gute Kompressionsbestrumpfung. Da haben wir heute zum Glück sehr gute Möglichkeiten. Mein Motto lautet deshalb: Keine Angst vor Schwangerschaft bei einer Ödemerkrankung!

Was gilt es bei der Kompressionstherapie zu beachten?

Dr. Miller: Es sollten bei Lymphödem-Patientinnen meist flachgestrickte Produkte verordnet werden. Bei der Lipödem-Patientin müssen wir mitunter individuelle Lösungen finden. Es wird da bestrumpft, wo die Beschwerden sind und wo das schmerzende Fettgewebe ist. Reicht es bis zur Hüfte, kann die Patientin zum Beispiel mit Kniestrumpf und Caprihose oder mit einer Strumpfhose versorgt werden. Eine Bestrumpfung mit einem Oberschenkelstrumpf wäre hier ungeeignet, weil der Bereich um die Hüften geschlossen sein sollte. Bei allen schwangeren Ödempatientinnen ist darauf zu achten, dass die Kompression immer gut dem wachsenden Bauchumfang angepasst ist.

Worauf ist bei der Verordnung der Kompressionsprodukte für Schwangere zu achten?

Dr. Miller: Auf dem Rezept muss vermerkt sein, dass es sich um eine schwangere Patientin handelt. Für den Bauch kann ein spezielles Leibteil vorgesehen werden. Die Kompressionsstrumpfhosen sind am Bauch wunderbar dehnbar, sie sind atmungsaktiv. In der Schwangerschaft kann die Strumpfhose bei Bedarf auch noch mal ausgetauscht werden.

Wirkt sich die Kompression auch auf das Wohlbefinden der Schwangeren aus?

Dr. Miller: Die Lipödem-Patientin profitiert durch die Kompression von einer Schmerzreduktion. Sie wird deshalb ihre Versorgung auch gern während der Schwangerschaft tragen. Beim Lymphödem, das in aller Regel nicht schmerzhaft ist, sorgt die Kompression dafür, dass keine großen Ödemzunahmen an den Beinen auftreten. Die Patientinnen können ihre Kleidung weiter tragen und kommen in die Schuhe. Deshalb wird auch die „Profi-Lymphödem-Patientin“ ihre Kompression unbedingt weiter tragen.

Empfehlen Sie Lymphdrainage während der Schwangerschaft?

Dr. Miller: Lymphdrainage ist während der Schwangerschaft möglich, allein die Bauchtiefdrainage geht nicht. Grundsätzlich hat die Lymphdrainage den angenehmen Nebeneffekt, dass sie wunderbar entspannend wirkt. So können durchaus auch Schwangerschaftsbeschwerden, wie Verspannungen oder Unwohlsein, mit behandelt werden.

Das gehört aufs Rezept

– Hilfsmittelnummern – Diagnose – Anzahl der Strümpfe (Stück/Paar) – Produktname1 – Kompressionsklasse (Ccl) – Länge bzw. Ausführung des Strumpfs2 – Zusätze (schräge Abschlüsse, Befestigungen, Haftbandstücke, Pelotten etc.) – Angabe zur Maßanfertigung (z.B. flachgestrickt) Zusätzliche Angaben: – Schwangerschaftswoche bei Schwangerschaftsversorgungen – Hygienische Wechselversorgung3 Alle medizinisch notwendigen Zusätze müssen verordnet werden.

1 Da es in jeder Kompressionsklasse Materialien mit unterschiedlicher Elastizität und Wirksamkeit gibt, ist eine namentliche Produktverordnung sinnvoll (s. Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie 01/2019).
2 In Einzelfällen kann eine Kombination aus verschiedenen Kompressionsstrümpfen bzw. -strumpfhosen erfolgen. Diese Kombinationen können z.B. aus zwei übereinander getragenen Kompressionsstrümpfen bestehen, wenn das Anlegen eines einzelnen Kompressionsstrumpfs in der erforderlichen hohen Kompressionsklasse Schwierigkeiten bereitet. Weitere Kombinationsmöglichkeiten sind z.B. eine Kompressions-Caprihose mit einem Kompressions-­Wadenstrumpf oder eine Kompressions-Bermuda mit einem Kompressions-Schenkelstrumpf (s. Hilfsmittel­verzeichnis des GKV-Spitzenverbands).
3 Bei mittelgradiger Beanspruchung sollte ein wirksamer Kompressionsdruck für die Dauer von sechs Monaten gewährleistet sein. Aus hygienischen Gründen ist eine Wechselversorgung notwendig. Bei schwerer körperlicher Arbeit sowie signifikanter Änderung der anatomischen Maße kann eine Neuverordnung allerdings auch schon zu einem früheren Zeitpunkt erforderlich werden (s. Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Lymphödeme, 5/2017).

Bilder: Bauerfeind, Thomas Lebie

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