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Risiken beim Turnen „Viele Schrauben, viele Knieverletzungen“

Ausgabe 03/2017

Die Kreuzbandruptur gepaart mit Meniskuseinriss, wie bei Andreas Toba, ist im Turnen eine häufige Verletzungsart , weiß Dr. med. Andreas Sander-Beuermann, Facharzt für Orthopädie und spezielle orthopädische Chirurgie. Von 1985 bis 1998 war er leitender Arzt am Olympiastützpunkt Hannover/Wolfsburg und betreut Andreas Toba seit seiner Jugend. Ein Interview mit Arzt und Turner.

Bauerfeind life: Was macht Turnen so anfällig für die Art von Verletzung, die Andreas erlitten hat?
Dr. Sander-Beuermann: Vieles hängt an Verband und Punktrichtern. Was wollen sie? Wofür geben sie die meisten Punkte? Wenn in den Übungen viele Schrauben gewünscht sind, kommt es oft zu Verdrehungen des Knies. Bei den relativ geraden Bewegungen sehen wir weniger Verletzungen. Ich war bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart 2007 dabei, da gab es viele Schrauben und viele Kreuzbandverletzungen.
Andreas Toba: Die Wertungsvorschriften werden jeden Olympiazyklus geändert. Wir Turner rechnen dann, wo lohnt sich ein Dreifachsalto, wo lohnt sich ein Bogen? Soll ich vielleicht zweisprüngig etwas verbinden? So, wie ich das in der Anfangsreihe der Bodenübung gemacht habe, bei der ich mich in Rio verletzte. Hoch im Kurs bei den Punktrichtern steht gerade der Dreifachsalto.

Die Verletzungsgefahr betrifft alle Geräte?
Dr. Sander-Beuermann: Die hohen Geräte sind vor allem betroffen. Also Reck, Sprung, Ringe, aber auch der Boden. Sie müssen immer an die Landung denken, von wo aus sie stattfindet. Bei Pferd und Barren ist die Gefahr nicht so groß.
Andreas Toba: Es gibt aber auch positive Entwicklungen bei den Geräten, etwa weichere Matten. Aber auch oft noch waghalsigere Athleten, die dann noch mehr riskieren. Und es gibt natürlich auch coole Geräte, sage ich jetzt mal dazu, die einem im Verletzungsfall helfen.

Familiäre Atmosphäre: Der Orthopäde Dr. med. Andreas Sander-Beuermann betreute schon den Vater von Andreas Toba und kennt ihn von klein auf.
Familiäre Atmosphäre: Der Orthopäde Dr. med. Andreas Sander-Beuermann betreute schon den Vater von Andreas Toba und kennt ihn von klein auf.

Sie meinen die Orthesen und Bandagen, mit denen Sie den Wettkampfeinstieg geschafft haben?
Andreas Toba: Für mich waren sie teilweise wie ein Airbag. Die Angst, dass man irgendwo dagegenknallt, war weg. Dadurch traut man sich ganz andere Trainingsübungen als vorher. Beim Umstieg von der SecuTec Genu auf die SofTec Genu hatte ich erst Bedenken. Sie erschien mir nicht ganz so fest. „Das wurde alles getestet“, sagte man mir. „Sie sitzt fest. Und ist in dem Stadium sogar noch besser, um dich zu schützen, weil sie noch einen Tick mehr am Knie anliegt.“ Da hat es bei mir Klick gemacht und ich habe damit geturnt.

Was war stärker in der Wiedereinstiegsphase: die Angst oder die Schmerzen?
Andreas Toba: Schmerzen sind nicht das Problem. Die sind wir Turner gewohnt. Einmal kam ich falsch auf und riss mir die Bänder an beiden Sprunggelenken und turnte weiter. Das Problem ist die Blockade im Kopf, die Angst, dass etwas passiert. Klappt das mit der Landung? Was geschieht, wenn du blöd aufkommst, wenn du hängen bleibst? Diese Angst haben mir die Ärzte und die Orthopädietechniker mit ihren Hilfsmitteln genommen. Das Knie ist stabil. Diesen Zustand hätte ich ohne die Orthesen und Bandagen nicht so schnell erreicht. Jetzt kann ich sie nach und nach weglassen, weil ich mit meiner Kraft und Koordination aufrüste. Aber wenn ich mit Boden wieder richtig anfange, kann ich mir gut vorstellen, erst mal mit Bandage zu turnen.
Dr. Sander-Beuermann: Das Entscheidende ist: Der Kopf des Sportlers muss vollständig frei sein. Er muss absolutes Vertrauen zu seinem Gelenk haben, dann funktioniert es wieder.

Bilder: Anika Büssemeier