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Porträt: Prof. Dr. med. Jens Ellrich Vom Medical Valley zu Medical Affairs

Ausgabe 02/2018

Professor Dr. med. Jens Ellrich

Seit April 2018 steht der Schreibtisch von Prof. Dr. med. Jens Ellrich im Bauerfeind-Turm in Zeulenroda. Mit Schnittstellen und deren Anregung kennt sich der neue Director Medical Affairs bestens aus.

Von zögerlicher Zurückhaltung ist nichts zu spüren. Fester Händedruck, offener Blick. Am Handgelenk trägt er einen Fitnesstracker. Der neue Director Medical Affairs der Bauerfeind AG setzt sich auf den nächstbesten Platz, ganz vorne auf die Kante des Sessels, und bestellt erst einmal einen doppelten Espresso. Schwarzstark heißt das Café, unweit der Erlanger Uni im sogenannten Medical Valley gelegen, eine schicke Lokalität , wo die Gäste nicht auf Berge, sondern auf Notebooks blicken. In zwei Stunden soll Prof. Ellrich auf dem MedTech Summit , einem Kongress von Wissenschaftlern und Unternehmern in Nürnberg, eine Vortragsreihe zum Thema Neurostimulation moderieren – sein Fachgebiet. Zuvor nimmt er sich Zeit für Bauerfeind life für eine Art Heimspiel des bekennenden FC-Bayern-Fans im Erlanger Medical Valley. Das Valley ist weniger ein Tal denn ein Hotspot von Gründern und Forschern mit einer beeindruckenden Dichte an medizintechnischen Start-ups und Instituten. In diesem Schmelztiegel von Grundlagenforschung und Anwendung hat Prof. Ellrich als Chief Medical Officer ein Start-up-Unternehmen betreut , dessen Produkte er zur Marktreife brachte. Hier lebt seine Familie, hier hat er eine neurophysiologische Professur an der Universität inne.

Träger des europäischen Schmerzpreises

Von Erlangen nach Zeulenroda, von der Neurophysiologie zur Bewegung – kurze Wege für einen Arzt , der seit seiner Doktorarbeit in Neurologie über die sensorische Auslösung von Erregungsvorgängen forschte. Bekanntlich entstehen an deren Schnittstellen oft motorische Reaktionen, die in Zeulenroda nicht unbekannt sein dürften. Prof. Ellrich ist in Mainz aufgewachsen und hat dort studiert , mit Forschungsstationen in Aalborg und Aachen, wo er mit seinem Wissenschaftlerteam 2005 den europäischen Preis für Schmerzforschung erhielt (Unterdrückung des Schmerzgedächtnisses durch elektrische Reizung bei muskuloskelettalen Erkrankungen). Über eine andere Art der Neurostimulation, der Verbesserung der Propriozeption durch äußere Reize, gab es eine erste Berührung mit Bauerfeind: „Gemeinsam haben wir untersucht , wie eine Neukonstruktion der MalleoLoc-Orthese propriozeptive Effekte erzielen kann“, erinnert er sich. „Auch mit der GenuTrain haben wir entsprechende Experimente unternommen. Damals schon habe ich das Unternehmen als äußerst dynamisch wahrgenommen.“

„Nicht-invasive Medizinprodukte leisten auch einen großen gesundheitsökonomischen Beitrag.“Prof. Dr. med. Jens Ellrich

Teil der Bauerfeind-Innovationskette

Wo sieht der Neue bei Bauerfeind seine Aufgaben? „In erster Linie geht es um das Clinical Development , also valide Daten für die Zulassung zu generieren“, stellt Prof.Ellrich klar. „Ich sehe die Abteilung Medical Affairs auch als Teil der Bauerfeind-Innovationskette. Dazu ist ein intensiver Austausch mit den jeweiligen Schnittstellen, mit dem Innovationszentrum, dem Produktmanagement sowie mit Marketing und Kommunikation notwendig. Das beste Argument , die Verordner von uns zu überzeugen, ist die hohe Evidenz von Studien mit unseren nicht-invasiven Produkten.“ Belastbare, klinische Daten seien in der Arztkommunikation der Königsweg.

Sensorik meets Motorik

Wie fühlt sich ein Arzt , der aus den Neurowissenschaften kommt , in einem Unternehmen, das orthopädisch, unfallchirurgisch und phlebologisch geprägt ist? Prof. Ellrich lächelt. „Ausgezeichnet“, sagt er. „Es passt aus zwei einfachen Gründen. Erstens: Ohne Sensorik keine Motorik. Zweitens: Medizinische Wirkmechanismen gelten auch jenseits der Fachgrenzen. Zudem freue ich mich täglich über den Austausch mit den Kollegen, die mir jedes Detail der Produkte nahebringen. Die Expertise in Zeulenroda von 850 Mitarbeitern ist überall spürbar.“ Medizinprodukten, deren Aufstieg der 51-Jährige bei der Anwendung von Implantaten hautnah miterlebte, sagt er eine große Zukunft voraus: „Sie haben sich längst als eigenständige Therapeutika etabliert. Ohne Kompressionsstrümpfe etwa gibt es bei chronisch venöser Insuffizienz keine ernstzunehmende Therapiemöglichkeit. Wenn wir mit unseren nicht-invasiven Bandagen, Orthesen und Einlagen durch Veränderungen der Bewegungsmuster sensomotorisch früh eingreifen und so die Endoprothese verhindern oder hinauszögern, leisten wir auch einen großen gesundheitsökonomischen Beitrag. Vom Nutzen für den Patienten einmal ganz abgesehen.“

Sensoren in der Bandage?

Das Recht des Neuen ist auch das eines Visionärs. Prof. Ellrich greift sich ans Knie, dann hebt er das Handgelenk: „Unglaublich, was in diesem Fitnesstracker steckt. Die Fortschritte der Digitalisierung und der Mikrosystemtechnik sind so immens, dass ich mir die Generierung von Gesundheitsdaten auch in Sensoren einer Bandage vorstellen kann.“ Vielleicht ließen sich über diese Schnittstelle sogar Non-Responder erreichen? „Wer weiß?“, meint er. „Auf jeden Fall sehen wir immer noch viel zu viele Patienten, ungefähr ein Drittel , die nicht auf Therapien ansprechen, aus welchen Gründen auch immer. Das ist eine Riesenaufgabe für die Zukunft.“ An Aufgaben mangelt es dem neuen Director Medical Affairs bei Bauerfeind nicht. Auch nicht an Schnittstellen. Stimulation ist alles. 

Bild: Daniel Biskup


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