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Propriozeption Neue Bandagen, neue Reize?

Ausgabe 03/2019

Professor Dr. med. Niels Hammer, University of Otago/Neuseeland, Abteilung für Anatomie, sieht in der Forschung zur Propriozeption, speziell in der Neuromechanik, neue Behandlungsansätze bei Erkrankungen des Muskuloskelettalsystems.

Professor Dr. med. Niels Hammer.

Bauerfeind life: Wie würden Sie Proprio­zeption beschreiben?

Prof. Hammer: Propriozeption lässt sich als die Wahrnehmung von Sinnesreizen des Organismus zur Position und Lage im Raum beschreiben. In der Medizin, speziell in der Orthopädie und Rehabilitation, meint man vor allem die Fähigkeit zur Wahrnehmung der Position eines Gelenks, einer Extremität oder von Körperteilen zueinander. Propriozeption ist primär eine Schutzfunktion. Zudem ist sie der wichtigste Reiz, um komplexe Bewegungsabläufe wie etwa das Gehen zu koordinieren.

Lässt sich Propriozeption messen?

Prof. Hammer: Bis vor wenigen Jahren hatten wir dazu nur wenige Möglichkeiten. Heute lassen neue Methoden wie die funktionelle Magnetresonanztomographie und die transkranielle Magnetstimulation interessante Erkenntnisse erwarten. Es gibt auch vielversprechende Entwicklungen in der Sensortechnik, mit welcher sich die muskuläre Antwort und die unterbewussten Stellreflexe relativ genau bestimmen lassen.

Wie stellt sich die Situation am Knie dar?

Prof. Hammer: Das Knie ist sehr dicht innerviert. Dies betrifft vor allem bestimmte Rezeptortypen, die Mechanorezeptoren. Diese sind vor allem auf die Ursprünge und Ansätze von Sehnen und Bändern konzentriert. Im Knie sind Mechanorezeptoren in den Kreuzbändern und Seitenbändern sowie den umliegenden Sehnen, auch bei den Menisken und sogar in Regionen nahe der Gelenkflächen zu finden.

„Propriozeption ist der wichtigste Reiz, um komplexe ­Bewegungsabläufe wie etwa das Gehen zu koordinieren.“
(Prof. Dr. med. Niels Hammer)

Gibt es hier Unterschiede in der Sensibilität?

Prof. Hammer: Die Sensibilität ist hauptsächlich von der Art des Rezeptors abhängig. Freie Nervenendigungen sowie sogenannte Pacini- und Golgi-Rezeptoren sind vor allem auf die Wahrnehmung hoher Kräfte und Längenänderungen spezialisiert. Ruffini-Nervenendigungen und Muskelspindeln reagieren bereits auf kleine Lage- und Positionsänderungen. Mit Ausnahme der Sehnenspindeln findet man alle diese Rezeptortypen in Bändern; Ruffini-, Pacini- und Golgi-Rezeptoren zusätzlich in den Menisken, freie Nervenendigungen zudem in der Nähe der Gelenkflächen und im Hoffa’schen Fettkörper.

Grafik: www.dasGehirn.info
Grafik: www.dasGehirn.info

 

Eine komplexe neuronale Situation am Knie.

Prof. Hammer: Wie komplex die Verschaltungen am Knie sind, wird durch zwei Prinzipien deutlich: Drei periphere Nerven am Kniegelenk, die sogenannten Nervi articulares, versorgen ausschließlich das Kniegelenk. Hinzu kommen noch weitere Nerven, welche die umliegenden Muskeln versorgen, und deren Terminale, die zusätzlich an die Gelenkkapsel des Knies heranziehen. Diese reichliche Innervation macht es möglich, dass ein Großteil der Sehnen und Bänder durch mindestens zwei verschiedene Nerven versorgt wird, die jeweils zu einem der Enden ziehen. Macht man sich bewusst , wie komplex das Kniegelenk als Organ mit asymmetrischen Gelenkflächen, zwei unterschiedlich großen Kondylen und der Patella als zusätzlichem Gelenkanteil ist , erscheint diese dichte und redundante Versorgung aber auch notwendig. An dieser Stelle ist die Neuromechanik ein wichtiges Stichwort – die Schnittstelle und Verschränkung des Nervensystems mit dem Bewegungsapparat. Hier tun sich neben neuen Trainings­ansätzen vielfältige Möglichkeiten auf in der Behandlung von Erkrankungen des Muskuloskelettalsystems.

Welche Rolle können dabei Bandagen spielen?

Prof. Hammer: Die klinisch-experimentelle Forschung an Bandagen ist hier noch relativ jung. Klar ist , dass eine medizinisch wirksame Kompression von Bandagen neben veränderten Druckverhältnissen am Gelenk auch eine Schienung vornimmt und dadurch sowohl Mechanorezeptoren als auch Chemorezeptoren beeinflusst. Die Verschieblichkeit der Haut wird gegenüber den darunter liegenden Muskelfaszien und Bändern verändert , was ebenfalls zur Schaffung neuer Reizkombinationen führt. Bandagen verändern auch die Beweglichkeit der Weichteile und führen darüber zu modifizierten Bewegungsabläufen. Damit schaffen Bandagen sehr wahrscheinlich neue Reize und führen zu neuen Kombinationen der Reizmodalitäten.

„Bandagen verändern auch die Beweglichkeit der Weichteile und führen darüber zu modifizierten Bewegungsabläufen.“
(Prof. Dr. med. Niels Hammer)

Ist es denkbar, durch die Veränderung von Reizen über eine Bandage wie die neue GenuTrain eventuelle Gewöhnungseffekte aufzuheben?

Prof. Hammer: Auch dies hängt stark von der Art des Rezeptors ab. Ruffini-Nervenendigungen adaptieren beispielsweise nur sehr langsam, d. h. hier ist ein Gewöhnungseffekt an eine bestimmte Gelenkposition erst nach einiger Zeit hergestellt. Golgi-Rezeptoren und Muskelspindeln adaptieren im Gegensatz hierzu extrem schnell an Reize. Es spielen neben dem reizgenerierenden Rezeptor das Rückenmark und übergeordnete Zentren eine wichtige Rolle. Gewöhnungseffekte existieren für dieses komplexe System auf den Ebenen des Rezeptors, des Rückenmarks und auch der Großhirnrinde. Sie können durch eine zeitweise Ausschaltung des Reizes durchbrochen werden oder aber durch eine Veränderung der Art des Reizes. Somit ist es durchaus möglich, diese aufzuheben.

Literaturempfehlungen von Prof. Hammer:
• Belluzzi (2019). Contribution of Infrapatellar Fat Pad and Synovial Membrane to Knee Osteoarthritis Pain
• Beynnon (2019). The Effect of Bracing on Proprioception of Knees With Anterior Cruciate Ligament Injury
• Wodowski (2019). Proprioception and Knee Arthroplasty
• Solomonov (2001). Sensorimotor con­trol of knee stability. A review

Bilder: privat , Quelle Haut-Grafik: www.dasGehirn.info, Bauerfeind


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