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Prof. Dr. med. Volker Harth Arbeitsmediziner als Netzwerker

Ausgabe 02/2015

Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und eine immer komplexere Arbeitswelt sind für Prof. Dr. med. Volker Harth vorrangige Gründe für ein zunehmendes Interesse an betrieblicher Gesundheitsförderung. life sprach mit dem Direktor des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) und Universitätsprofessor für Arbeitsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Prof. Dr. med. Volker Harth, Direktor des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM).
Prof. Dr. med. Volker Harth, Direktor des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM).

Welche gesundheitlichen Probleme stehen in der aktuellen Diskussion besonders im Fokus?
Dr. Harth: In absoluten Zahlen haben natürlich Muskel-Skelett-Erkrankungen nach wie vor die größte Relevanz. Allerdings nehmen die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz mehr und mehr zu und stehen daher auch oft im medialen Fokus. Das liegt an der Zunahme von arbeitsbedingten Stressoren wie u. a. dem Termin- und Leistungsdruck, Multitasking und entgrenzter Arbeit – also ständiger Erreichbarkeit. Das heißt jetzt nicht , dass der Betriebsarzt künftig ein Psychologiestudium absolviert haben sollte. Aber er muss sich auch hier zunehmend fortbilden. Und wichtig ist , dass er interdisziplinär arbeitet , also dass er sich mit Psychologen ebenso austauscht wie z. B. mit Ingenieuren und Sicherheitsfachkräften. Das unterstreichen ja auch Regelwerke wie die DGUV-V2. Ich sehe die Aufgabe des Arbeitsmediziners daher ganz klar auch als Netzwerker.

Insgesamt geht die schwere körperliche Arbeit zurück, andererseits haben wir immer mehr ältere Beschäftigte und mehr Bewegungs­mangel. Sind das auch wesentliche Faktoren für Muskel-Skelett-Problematiken?
Dr. Harth: Absolut. Und auch an dieser Stelle der Hinweis, dass Rückenbeschwerden auch durch Stress entstehen können. Der Rücken dient dann sozusagen als Projektionsfläche. „Rücken“ haben wir ja generell vom Fliesenleger bis zur Sekretärin, um in Klischees zu bleiben. Da gilt es durch intelligente Interventionen bzw. Angebote in der betrieblichen Gesundheitsförderung, Schmerzen zu lindern und Prävention zu unterstützen. Das reicht von ergonomischer Arbeitsplatzgestaltung über Bewegung bis hin zu Entspannungsangeboten, um nur ein paar Punkte zu nennen. In Berufen, bei denen es leicht zu Über- oder Fehlbeanspruchungen kommt , oder bei individueller Disposition können orthopädische Hilfsmittel wie Bandagen und orthopädische Einlagen helfen.

Um welche Themen sollte man sich als Betriebsarzt zukünftig vorrangig kümmern?
Dr. Harth: Es gilt , für alles offen zu sein! Wir müssen uns ebenso um die „alten“ Themen kümmern, wie Staub oder Lärm am Arbeitsplatz, wie auch um neue Belastungen des Dienstleistungssektors sowie um neue Technologien. Als Arbeitsmediziner müssen wir immer auf der Höhe des Wandels der Arbeitswelt sein – wir müssen quasi schon heute wissen, wie die Belastung von morgen sein wird. Und wir werden sicherlich zu einer immer individuelleren Beratungsmedizin kommen. Ein weiteres zunehmendes Thema wird darüber hinaus die Wiedereingliederung leistungsgewandelter Mitarbeiter sein.

Sehen Sie eventuell ein Spannungsfeld zwischen Betriebs- und Hausarzt?
Dr. Harth: Nein. Ich denke, dass die Hausärzte ruhig noch mehr auf die Expertise der Arbeitsmediziner zurückgreifen sollten. Als simples Beispiel: Ein Hausarzt hat nicht die Gelegenheit , ins Werk zu kommen. Dagegen kann der Betriebsarzt vor Ort den Arbeitsplatz begutachten und beurteilen, ob z. B. eine Wiedereingliederungsmaßnahme Erfolg hat. Hier gibt es viel Raum für Projekte zwischen Hausarzt und Arbeitsmediziner.

Bilder: Bauerfeind, C. Ketels/UKE