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Lip- und Lymphödeme in der gynäkologischen Praxis Die beste Therapie: Lymphdrainage, Kompression und Schwimmen

Ausgabe 02/2019

Spannungen und Druckschmerzen in Armen und Beinen, Umfangsdifferenzen bei den Extremitäten – in ihrer gynäkologischen Praxis mit onkologischem Schwerpunkt hat Dr. med. Birgit Ruhmland regelmäßig Patientinnen mit ­Lip- und Lymphödemen. Zuhören, aufklären und die Betroffenen zur Kompressionstherapie motivieren lautet dann oft die Devise.

„Generell findet das Lipödem immer noch zu wenig Beachtung. Da sollten wir Ärzte noch aufmerksamer sein.“

Dr. med. Birgit Ruhmland

Wie hoch der Anteil der Patientinnen mit Lymphödemen in ihrer Praxis am Elsterwerdaer Platz in Berlin-Hellersdorf ist? Diese Frage lässt sich für Dr. Birgit Ruhmland gar nicht so leicht beantworten. „Wenn Sie beispielsweise von einem durch ein Mammakarzinom bedingten Lymphödem ausgehen und der klassischen Definition einer Umfangsdifferenz von mindestens zwei Zentimetern, dann sind die Zahlen relativ gering. Aber wenn Sie die Patientinnen mit klinischen Beschwerden wie Missempfindungen, Schmerzen und leichteren Stauungen dazunehmen, dann würde ich den Anteil in den ersten beiden Jahren nach der OP auf rund 40 Prozent hochsetzen“, so die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, die auch selbst operiert. Dennoch habe sich im Bereich der Lymphödeme nach Mammachirurgie in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. „Früher gab es deutlich mehr Lymphödeme, oft mit massiven Fibrosen, weil einfach noch ganz anders operiert wurde. Allein durch die Sentinel-Lymphonodektomie haben wir heute viel weniger Armlymphödeme“, betont Dr. Ruhmland. Weit häufiger sind in ihrer onkologischen Schwerpunktpraxis Lymphödeme an den Beinen infolge gynäkologischer Karzinome. „Dort wird in der Regel ausgedehnter operiert. Da haben wir es oft mit sehr großen und stark belastenden Lymphödemen zu tun, die dann die Bewegungsfähigkeit der Betroffenen teils massiv beeinträchtigen.“

Für Dr. med. Birgit Ruhmland ist eine frühzeitige Therapie aus Lymphdrainage und Kompressionsbestrumpfung bei der Behandlung von Lymphödemen von zentraler Bedeutung.

Wichtig: frühzeitiger Therapiebeginn

Die meisten Ödempatientinnen äußern Druckempfindungen, Verspannungen, mitunter Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Viele onkologische Patientinnen hätten auch einfach Angst , dass hinter den Beschwerden wieder ein Tumor steckt. „Obwohl ich meist schon auf einen Blick sehe, das es ,nur‘ ein Lymphödem ist , machen wir dann eine umfangreiche Diagnostik, um nichts zu übersehen und um die Patienten zu beruhigen – und knüpfen dann in der Regel mit einer Lymphdrainage sowie einer entsprechenden Kompressionsbestrumpfung an“, erklärt Dr. Ruhmland. Der Zustand bessere sich dann recht schnell und die Patientinnen seien erleichtert. Insbesondere bei Patientinnen mit einem Lymphödem sei es von zentraler Bedeutung, so früh wie möglich mit einer adäquaten Therapie zu beginnen, um eine Progression zu verhindern.

Lipödem: oft noch stiefmütterlich behandelt

Neben den überwiegend sekundären Lymphödemen sieht die Fachärztin in ihrer Praxis in geringem Maße auch Patientinnen mit Lipödemen. Beim Lipödem empfiehlt Dr. Ruhmland die Kompression vor allem postoperativ, nach einer Liposuktion. „Wir könnten sicherlich mehr erreichen, wenn schon öfter bei jungen Frauen eine Liposuktion gemacht werden würde – aber das ist nun mal ein politisches Problem“, bedauert die Fachärztin. Das Lipödem stellt nicht nur eine erhebliche Belastung für die Betroffenen dar, unbehandelt kann es sich auch zu einem Lip-Lymphödem entwickeln. „Generell findet das Lipödem immer noch zu wenig Beachtung. Oft werden gerade junge Frauen mit Lipödem einfach als etwas dicker abgetan. Da sollten wir Ärzte noch aufmerksamer sein und uns unbedingt die Zeit nehmen, um mal über Konstitution, familiäre Veranlagungen und Beschwerden zu sprechen“, fordert sie.

Kompression konsequent tragen

Das Gespräch mit den Ödempatientinnen sei besonders wichtig. Die Frauen benötigten in erster Linie sehr viel Zuwendung, schildert Dr. Ruhmland. „Zudem muss man auch die Wichtigkeit der Kompressionstherapie immer wieder aufs Neue darstellen. Beim Lymphödem ist die Kompression zu 100 Prozent wichtig, häufig auch ein Leben lang.“ Bei den meisten Ödempatientinnen sei der Leidensdruck so hoch, dass sie die Strümpfe aus Eigeninteresse tragen, weil sie eine deutliche Erleichterung spüren. „Aber wenn jemand diese Therapie nicht möchte und die ­Kompressionsstrümpfe nicht trägt , hat allerdings auch eine Lymphdrainage keinen Sinn. Das mache ich den Betroffenen ganz klar deutlich“, so Dr. Ruhmland.
Insgesamt sei die Compliance über die Jahre hinweg spürbar besser geworden, nicht zuletzt , weil sich auch die medizinischen Kompressionsstrümpfe im Hinblick auf den Tragekomfort verbessert hätten. „Und es ist schon cool , was es inzwischen für Farben gibt! Dennoch bleibt die Therapietreue manchmal ein Problem. Natürlich merken die Patientinnen, dass sie wieder mehr Beschwerden haben, dass es eher weh tut oder dass sie schwerer in die Schuhe kommen, wenn sie die Strümpfe nicht tragen. Trotzdem sind nicht alle konsequent“, bedauert Dr. Ruhmland. Sie appelliert an dieser Stelle daher auch an die Therapeuten, ihre Patienten nach der Lymphdrainage nicht ohne Bestrumpfung aus dem Haus gehen zu lassen.

Kompetenz im Fachgeschäft

Im Hinblick auf die individuelle Versorgung mit Kompressionsstrümpfen sei ihr eine gute Kommunikation mit den Sanitätshäusern besonders wichtig, betont die Fachärztin. „Die erfolgte Versorgung schaue ich mir dann auch noch mal an. Wenn ich merke, dass etwas nicht richtig sitzt , schicke ich die Patientinnen erneut ins Sanitätshaus. Das ist aber in der Regel nicht nötig, denn die Sanitätshausfachangestellten sind da meist sehr kompetent und erfahren.“
Und was rät sie ihren Patientinnen noch zur Therapieunterstützung? „Bewegung. Vor allem Schwimmen. Schwimmen ist die beste Therapie. Wenn sie sich im Wasser bewegen, dann wirkt das quasi wie eine Lymphdrainage“, empfiehlt die Gynäkologin. „Kompression und Bewegung bilden einfach das Fundament bei der Behandlung von Lip- und Lymphödemen.“

 

Bilder: Anika Büssemeier


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