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Langfristige Gonarthrose-Therapie „Einlagen können Arthrosen positiv beeinflussen“

Ausgabe 01/2020

Bad Steben, Dr. med. Bertram Geigner

Orthopädische Einlagen spielen für Dr. med. Bertram Geigner, Ärztlicher Direktor des Reha-Zentrums Bad Steben, eine wichtige Rolle in der konservativen Gonarthrose-Therapie. Im Interview erläutert der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, wie sich damit die muskulären Strukturen in Balance bringen und Schmerzen reduzieren lassen.

Bauerfeind life: Wie viele Arthrose-Patienten behandeln Sie pro Jahr im Reha-Zentrum Bad Steben, und um welche Arthrose-Erkrankungen geht es dabei hauptsächlich?

Dr. Bertram Geigner: Von unseren jährlich rund 5.500 Rehabilitanden ist rund ein Drittel von arthrotischen Veränderungen betroffen. Hauptsächlich zählen dazu Gonarthrosen und Coxarthrosen. Von den Kniearthrosen ist die mediale am häufigsten – und davon wiederum die Stadien 3 und 4. Diese Patienten sind also hochgradig erkrankt. Nicht jede Arthrose muss jedoch symptomatisch sein. Es gibt auch Patienten im vierten Arthrosestadium, die keinerlei Schmerzen verspüren.

Dr. med. Bertram Geigner betrachtet den Fuß in erster Linie als sensomotorische Einheit.
Dr. med. Bertram Geigner betrachtet den Fuß in erster Linie als sensomotorische Einheit.

Wie setzt sich eine lang­fristige Gonarthrose-Therapie für den Patienten zusammen?

Dr. Bertram Geigner: Primär haben wir einen konservativen Behandlungsauftrag und sehen eine langfristige Gonarthrose-­Therapie immer individuell und ganzheitlich. Wir empfehlen eine gesunde Ernährung, die darauf abgestimmt ist , Entzündungsvorgänge zu minimieren. Damit einhergehend schauen wir, dass die Patienten schonend ihr Gewicht regulieren. Denn schon fünf Kilogramm Übergewicht verdoppeln das Risiko für die Entwicklung einer Gonarthrose. Ein weiterer unabdingbarer Therapiebaustein ist das muskuläre Training. Ziel ist , die knieführende Muskulatur inklusive der Fußmuskulatur aufzubauen. Knieorthesen sowie die Fußversorgung mit orthopädischen Einlagen sind ein wichtiger Baustein, vor allem im Hinblick auf die Schmerzreduktion. Aber auch Therapien wie intraartikuläre Injektionen können zusätzlich den Schmerz reduzieren und die Gleitfähigkeit des Knies verbessern. Und jede Arthrose braucht Bewegung, denn neben der muskulären Führung ist sie auch für den Gelenkstoffwechsel essenziell.

Warum ist Bewegung so wichtig?

Dr. Bertram Geigner: Knorpelflächen haben ab dem 25. Lebensjahr keine eigene Versorgung mehr, d. h. sie werden nur noch durch Diffusion von Nährstoffen in der Synovialflüssigkeit versorgt. Das Gleiche gilt auch für die Entsorgung von Wirksubstanzen, die den Knorpel schädigen. Diese Diffusion wird durch Traktion und Kompression positiv beeinflusst , aber auch durch Scherkräfte. Diese treten nur bei entsprechender Bewegung auf. Somit ist eine sinnvolle Bewegung, auch Bewegungstherapie, eine der wichtigsten Säulen in der konservativen Arthrose-Behandlung.

 

„Es geht darum, mit Einlagen die Statik vom Fuß auf das Knie in optimaler Balance weiterzuleiten.“Dr. med. Bertram Geigner

Wie können orthopädische Einlagen dazu beitragen, die Belastungen auf die arthrotischen Gelenkbereiche und damit auch die Schmerzen zu reduzieren?

Dr. Bertram Geigner: Einlagen können Arthrosen positiv beeinflussen und Beschwerden lindern. Gerade bei Gonarthrosen, die mit einer Fußproblematik kombiniert sind, können orthopädische Einlagen wirkungsvoll die Schmerzen reduzieren und so den Patienten auch ins richtige Bewegungsverhalten bringen. Letztlich geht es darum, mit Hilfe der Einlagen den Fuß so auszurichten, dass die Muskulatur die passende physiologische Zugrichtung einnehmen kann und die Statik vom Fuß auf das Knie in optimaler Balance weitergeleitet wird. Dieses Korrigieren der Muskulatur wirkt sich dabei positiv auf die proximalen Strukturen aus. Ich empfehle meinen Patienten, unterstützende Einlagen vor allem bei Belastung zu tragen, etwa bei langem Stehen oder Gehen auf harten Böden. Hier ist zusätzlich der Aspekt einer ausreichenden Dämpfung wichtig. Sie reduziert übermäßige Belastungen, die negativ auf das Knie, aber auch auf die Sprunggelenke und die kleinen Fußgelenke einwirken. Von Einlagen, aber auch von den Schuhen, wird für den Fuß zudem ein verändertes sensorisches Feedback erwartet. Das führt zu einer veränderten neuromuskulären Reaktion und verändert die Muskelaktivitäten. Wichtig ist , dass Einlagen immer Bestandteil des Gesamtkonzepts zur Gonarthrose-Therapie sind und nur in Kombination mit bewusster Ernährung, Muskeltraining und Bewegung Verbesserungen erzielen.

Wie wirken die Einlagen, die Sie gegenwärtig Ihren Arthrose-Patienten verordnen?

Dr. Bertram Geigner: Meist beruht eine Verordnung auf dem rein mechanischen Konzept , beispielsweise in Form von stützenden Einlagen bei Knickfüßen oder bettenden Einlagen bei Druckschmerzen. Aufgrund unserer Erfahrungen kann das definitiv hilfreich sein. Der Fuß ist jedoch kein statisches Körperteil , sondern vor allem eine sensomotorische Einheit. Er braucht Impulse und Informationen, die er weiterleitet. Dies geschieht über die neuromuskulären Regelkreise, die auch proximal gelegene Strukturen wie beispielsweise Wirbelsäule, Hüft- und Kniegelenke, aber auch muskuläre und fasziale Strukturen beeinflussen. Dieses Zusammenspiel ist für Knie und Unterschenkel , die direkt muskulär und faszial mit dem Fuß und seinen Strukturen verbunden sind, von besonderer Bedeutung. Optimal wäre insofern eine Einlagenkombination aus stützender Bettung und sensomotorischer Wirkung, die korrigierend wirkt , aber eben auch die Muskulatur gezielt anspricht. Alle Einlagentypen haben Einfluss auf das Knie, den Knieschmerz und auf die Stabilisierung des Knies. Grundsätzlich versucht man immer das Beste für den Patienten. Welchen Wirkungsgrad die Einlagen letztlich erzielen können, hängt ganz von der individuellen Symptomatik des Patienten ab. Es hat sich jedoch gezeigt , dass gerade diejenigen Patienten, die auf Ernährung und Gewicht achten, sich adäquat bewegen und eben auch entsprechende Einlagen tragen, sehr gut mit ihrer Erkrankung langfristig klarkommen, ganz ohne invasive Eingriffe. Die größten Erfolgschancen bietet letztlich die Kombination aller Maßnahmen, gepaart mit der eigenen Leistung des Patienten.

Bilder: Frank Steinhorst


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