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Konservative Gonarthrose-Therapie „Bei Gonarthrose hilft keine One-size-fits-all-Lösung“

Ausgabe 03/2020

Das Schmerzgeschehen im Knie und die Biomechanik des Gelenks sind die Stellgrößen in der Gonarthrose-Therapie, sagt Dr. med. Prakash Jayabalan. Hier braucht es auf den Patienten und die Erkrankung zugeschnittene Lösungen. In unserem Interview betont der aktuell in den USA praktizierende Arthrose-Spezialist, wie wichtig es ist, für jeden Patienten einen individuellen Behandlungsansatz zu finden. Mit einem Verbund sich ergänzender Therapiemaßnahmen, zu denen auch Bandagen und Orthesen gehören können.

Dr. med. Prakash Jayabalan ist Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie für Sportmedizin. Er ist als leitender Arzt und klinischer Wissenschaftler am Shirley Ryan AbilityLab sowie als Dozent an der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago, Illinois, tätig.

life: Welche Ziele verfolgen Sie bei der konservativen Behandlung Ihrer Gonarthrose-Patienten?

Dr. Jayabalan: Die meisten meiner Patienten mit Gonarthrose kommen wegen ihrer Schmerzen und deshalb steht die Schmerzlinderung klar im Vordergrund. Genauso wichtig und damit auch verbunden ist die Veränderung der Biomechanik für eine verbesserte Gelenkfunktion. Das Knie muss stabilisiert, gekräftigt und entlastet werden, was sich durch gezielte Gewichtsabnahme sowie durch konsequentes Training herbeiführen lässt.
Wichtig ist es dabei, immer die jeweilige muskuläre Situation im Kniebereich zu analysieren und diese mit entsprechenden, genau auf den Patienten abgestimmten Übungseinheiten zu stärken. Neben Medikation und Injektionen können auch Bandagen und Orthesen helfen, Schmerzen zu lindern und das Knie zu entlasten.

Grad 4: Der Gelenkspalt ist stark verkleinert. Massiver Knorpelverlust.
Kniearthrose, Grad 1: Leichte Auffaserung des Gelenkknorpels.

Worin liegen die größten Herausforderungen bei der Behandlung dieser Patienten?

Dr. Jayabalan: Die Hauptproblematik liegt natürlich darin, dass sich das Voranschreiten der Gonarthrose mit keiner gegenwärtig verfügbaren Behandlung und keinem Hilfsmittel aufhalten lässt.
Erschwerend kommt hinzu, dass der klassische Gonarthrose-Patient in der Regel älter ist und oft einen höheren BMI aufweist und daher auch meist nur eingeschränkt entsprechende Trainings- und Übungseinheiten absolvieren kann. Da Schmerzen Arthrose-Patienten einschränken, ist zudem das Schmerzmanagement extrem wichtig.
Vom klinischen und mechanischen Aspekt her ist die Gonarthrose eine sehr komplexe Erkrankung, die viele Strukturen des Kniegelenks betrifft, nicht nur die Knorpelschichten. Die Knochen, Bänder und Muskeln sollten ebenfalls im Fokus stehen und daher gibt es auch nicht den einen allgemeingültigen Behandlungsansatz für Gonarthrose.
Vielmehr sollte – und das ist meine tiefe Überzeugung – Gonarthrose immer individuell behandelt werden, das heißt immer abgestimmt auf den vorliegenden Befund sowie auf den Patienten selbst: Wie ist seine Erwartungshaltung, was sind seine Ziele und mit welcher Behandlungsmethode wäre er am zufriedensten? Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, was realistisch erreichbar ist und welche Behandlungen die größten Erfolgschancen bieten, auch unter dem Gesichtspunkt des Patientenalltags. Wenn zum Beispiel ein Patient, der nur rund 1.000 Schritte pro Tag zurücklegt, von jetzt auf gleich ein Training mit täglich 10.000 Schritten beginnen soll, kann das nicht zum Erfolg führen.

„Ein einziges Produkt kann eben nicht die Lösung für die biomechanischen Probleme
aller Patienten sein.“
Dr. med. Prakash Jayabalan

 

Grad 2: Verengung des Gelenkspalts. Der Knorpel beginnt zu zerfallen. Osteophyten.
Grad 2: Verengung des Gelenkspalts. Der Knorpel beginnt zu zerfallen. Osteophyten.

Welche Rolle spielen Kniebandagen und -orthesen in der konservativen Therapie?

Dr. Jayabalan: Wir setzen Bandagen und Orthesen bei Gonarthrose erfolgreich ein. Knackpunkt ist jedoch die Zufriedenheit und Akzeptanz bei den Trägern. Patienten empfinden diese Art von Hilfsmitteln oft als groß, sperrig und hinderlich, was ihren Tagesablauf und insbesondere die Ausübung sportlicher Aktivitäten angeht. Wenn ein Patient ein für sich angenehm passendes Produkt trägt, kann das für sein Stabilitätsempfinden sehr hilfreich sein und sein Bewegungsverhalten potenziell verbessern.
Es gibt gute physiologische Gründe, die für die Verwendung von Bandagen und Orthesen sprechen. Sie können das Kniegelenk entlasten und so das funktionelle Zusammenspiel der einzelnen Strukturen verbessern. Sie tragen zum Schutz vor übermäßiger Belastung bei und schützen so vor Schmerzen und geben dem Patienten Vertrauen, sich zu bewegen und sich dabei zu steigern. Die Verwendung von Bandagen und Orthesen kann viel dazu beitragen, die Stabilität zu verbessern und ihren Alltag sicher bewältigen zu können.

Wie ließe sich aus klinischer Sicht und aus Perspektive der Patienten die Empfehlung und Akzeptanz von Bandagen und Orthesen in der konservativen Therapie weiter erhöhen?

Dr. Jayabalan: Vom klinischen Standpunkt her könnten kontrollierte Langzeitstudien mit biomechanischen Messungen zum Erfassen der Effekte die Empfehlung für Kniebandagen und -orthesen deutlich steigern. Die bislang vorliegenden Evidenzen sind in meinen Augen nicht differenziert genug, gerade was den Untersuchungszeitraum angeht. Schließlich wirkt eine Bandage oder Orthese ja nicht schlagartig bei allen Aspekten.

Grad 3: Gelenkspaltverkleinerung. Tiefere Knorpelzerstörung.
Grad 3: Gelenkspaltverkleinerung. Tiefere Knorpelzerstörung.Osteophyten.

So zeigen sich beispielsweise nachhaltige Mobilitätsverbesserungen erst über einen längeren Zeitraum. Insofern wäre eine Studie ideal, die mit messbaren Ergebnissen die potenzielle langfristige Wirkung einer Kniebandage beispielsweise hinsichtlich der Entlastung des Gelenks belegt. Das wäre eine verhältnismäßig einfache, gut durchführbare Studie mit einer Dauer zwischen sechs und zwölf Monaten.

Und die Patienten könnten dank dieser Studien sehen, dass sie nachweislich etwas tun können, damit die Symptome abnehmen und der funktionelle Abbau verlangsamt wird. Das wäre auch im Umgang mit der Erwartungshaltung der Patienten hinsichtlich Sofortwirkung sehr hilfreich. Gegebenenfalls läge der Fokus dann nicht mehr fast ausschließlich auf der medikamentösen Behandlung der Schmerzen (sei es oral oder per Injektion), was hierzulande in den USA die häufigste Behandlungsoption bei Gonarthrose darstellt. Ein eindeutiger Vorteil der Verwendung von Bandagen und Orthesen liegt im geringen Risiko für den Patienten, da es sich um eine nichtinvasive Behandlungsmethode handelt.

Welche Anforderungen müssen Bandagen und Orthesen für Gonarthrose-Patienten Ihrer Meinung nach erfüllen?

Dr. Jayabalan: Passform und Komfort sind entscheidend. Standardware aus dem Regal in Einheitsgrößen bietet in der Regel keinen ausreichenden Komfort. Auch hier kann es deshalb keinen One-size-fits-all-Ansatz geben. Ein einziges Produkt kann eben nicht die Lösung für die biomechanischen Probleme aller Patienten sein. Das führt im Gegenteil dann eher dazu, dass die Patienten meinen, es gäbe nur große, sperrige Orthesen, die einschränken und nicht passen.
Vielfältigkeit sowie Optionen zur Personalisierung und individuellen Anpassung sind daher extrem wichtig. Das trägt dann auch zur Akzeptanz und Zufriedenheit der Patienten mit ihren Hilfsmitteln bei, weil sie erleben, wie sie etwas bekommen, das für sie persönlich angepasst wird – auf ihre Diagnose, ihr Knie und ihre Bedürfnisse im Alltag.

Grad 4: Der Gelenkspalt ist stark verkleinert. Massiver Knorpelverlust.
Grad 4: Der Gelenkspalt ist stark verkleinert. Massiver Knorpelverlust.

Bauerfeind führt in seinem Sortiment propriozeptiv wirksame Bandagen für Patienten mit leichter bis mittlerer Gonarthrose und mechanisch entlastende Orthesen für Patienten mit mittlerer bis schwerer Gonarthrose sowie Hilfsmittel, die beides kombinieren (GenuTrain OA). Wie bewerten Sie dieses Angebot?

Dr. Jayabalan: Rein intuitiv macht ein Produktsortiment mit mehreren Lösungen für unterschiedliche Schweregrade einer Erkrankung absolut Sinn, da auf diese Weise die Therapiepläne auf die individuellen Patientenbedürfnisse abgestimmt werden können. Zur Erweiterung der klinischen Evidenz würde ich längerfristige Studien anstreben, die zur Erfassung und Auswertung der biomechanischen Wirkung dienen, aber auch der von den Patienten berichteten, subjektiv wahrgenommenen Verbes­serung der Lebensqualität.

 

 

 

 

Vielfalt für alle Fälle

Speziell für die Gonarthrose-Therapie bietet Bauerfeind eine Auswahl an Bandagen und Orthesen in verschiedenen Größen und mit diversen Anpassungsmöglichkeiten. Die einzelnen Hilfsmittel sind in ihrer stabilisierenden Wirkung auf den Krankheitsgrad und den notwendigen sowie empfehlenswerten Bewegungsspielraum der Patienten abgestimmt.

Die Bandage GenuTrain lindert Schmerzen und gibt dem Knie in der Bewegung sicheren Halt. Kompression und Wechseldruckmassage sorgen für propriozeptiven Input. Die Bandage hilft präventiv und bei ersten Anzeichen von Gonarthrose, das Knie zu stabilisieren.
Für die individuelle Passform: Acht Standardgrößen und fünf Komfortgrößen mit größerem Oberschenkelumfang.

 

 

 

Die Kniebandagen GenuTrain S/S Pro geben dem Knie durch seitliche Gelenkschienen und Gurte um Ober- und Unterschenkel in der Bewegung verstärkten Halt. Sie unterstützen bei leichter bis mittlerer Gonarthrose und helfen, Belastungs- und Bewegungsschmerzen zu lindern.
Für die individuelle Passform: Sieben Standardgrößen sowie limitierbare Gelenke bei S Pro, um Beugen und Strecken stufenweise einzuschränken.

 

 

 

 

 

Die eingelenkige Orthese GenuTrain OA entlastet das Knie medial oder lateral nach dem Drei-Punkt-Prinzip. Sie stabilisiert zuverlässig bei mittlerer Gonarthrose mit mäßigen Achsfehlstellungen und bietet aktiven Patienten viel Bewegungsfreiheit, auch bei schnellen Bewegungen. Ihr entlastender Effekt kann dank des integrierten Boa®-Fit-Systems während des Tragens individuell eingestellt werden.
Für die individuelle Passform: Elastisches Formgestrick mit geführten Entlastungsbändern in fünf Größen, rechts medial/links lateral und rechts lateral/links medial anwendbar, optional limitierbares Gelenk.

 

 

 

Die Hartrahmenorthese SecuTec OA hilft bei Fällen von mittlerer bis schwerer Gonarthrose mit ausgeprägten Achsfehlstellungen. Sie entlastet das Knie medial oder lateral nach dem Drei-Punkt-Prinzip. Die entlastende Kraft wird schonend über den Unterschenkel eingeleitet und kann durch die beidseitige Valgus-/Varuseinstellung der Gelenke individuell angepasst werden. Sie eignet sich zum prä- und postoperativen Einsatz.
Für die individuelle Passform: Die anatomisch anformbare Orthese verfügt über eine selbst­adaptive Wadenschale und ist in unterschiedlichen Komponentengrößen kombinierbar.

 

 

 

Bilder: iStockphoto.com/ttsz, Bauerfeind

 

 


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