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Kompressionsversorgung von Lip- und Lymphödemen „Es besteht noch immer großer Aufklärungsbedarf“

Ausgabe 02/2019

Passgenaue Kompressionsprodukte, in denen sich die Patienten wohlfühlen und die sie annehmen: Das hat sich die Sanitätshaus Schadock GmbH in Berlin zum Ziel bei der Behandlung von Lip- und Lymphödemen gesetzt. Wichtig von Anfang an ist eine enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Physiotherapeuten.

„Bei Lip- und Lymphödemen ist ein andauerndes, meist lebenslanges Tragen der Kompressionsversorgung notwendig.“

Beate Pohl

Beate Pohl , Regionalleiterin bei Schadock (links), prüft , ob die Arm- und Handbestrumpfung bei Patientin Heike Voßke richtig sitzt.

Verständnis zeigen, dem Patienten zuhören, ihn unterstützen – das ist Teil des Wertekonzepts im Sanitätshaus Schadock, auch wenn es um die Versorgung von Lip- und Lymphödemen geht. „Sich Zeit nehmen ist bei dieser Patientenklientel unheimlich wichtig. Da kann die Beratung schon mal zwei Stunden dauern. Am Ende zählt: Was ist die beste Lösung für die Patienten? Nur so kann man ihnen helfen“, sagt Beate Pohl , Regionalleiterin bei der Firma Schadock in Berlin. Seit 22 Jahren arbeitet die zertifizierte Lymphberaterin im Unternehmen. Die Zahl der Kunden mit Lip- oder Lymphödemen habe in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. „Das hat mit der Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu tun. Das Krankheitsbild wird besser verstanden. Hinzu kommt , dass der Leidensdruck der betroffenen Frauen unheimlich groß ist und sie inzwischen selbstbewusster für ihre Belange eintreten“, weiß Beate Pohl.

Kompression hilft

Immer an Heike Voßkes Seite: Assistenzhündin Abby. Sie hilft sogar beim Ausziehen der Kompressionsstrümpfe.

Auch bei Heike Voßke ist der Leidensdruck groß. Aufgrund eines multiplen Krankheitsbildes, darunter eine chronisch-venöse Insuffizienz, hat die 57-Jährige Lip- und Lymphödeme in beiden Beinen und Armen. Ihre erste Beinkompressionsbestrumpfung bekam sie 2003. Mittlerweile trägt sie auch eine Bermuda, eine Thoraxversorgung sowie Armstrümpfe und Handschuhe der Flach­strickserie VenoTrain curaflow. Die Kompression tue ihr gut , sagt Heike Voßke. „Gerade in den Armen merke ich das. Für das Blutabnehmen waren meine Venen immer schwer auffindbar. Seitdem ich die Armstrümpfe trage, setzen die Schwestern an und sofort ist das Blut da. Es arbeitet also.“ Zusätzlich zur Kompressionstherapie bekommt Heike Voßke zweimal pro Woche Lymphdrainage. Außerdem bewegt sie sich viel – geht zum Rehasport und leitet die Gruppen Seniorentanz, Qi Gong und Sturzprävention im Sitzen. Sie achtet sehr auf die Ernährung. Dennoch fällt ihr die Gewichtsreduzierung, vermutlich aufgrund einer Stoffwechselschwäche, schwer.
Von Schadock wird Heike Voßke seit Mai 2018 versorgt. „Eine Bekannte hat mir erzählt , dass man da digital vermessen wird. Da wusste ich, dass ich dort hin will , weil ich mit meinen Strümpfen nie wirklich zufrieden war.“ Für einen ersten Eindruck und den Kostenvoranschlag bei der Kasse setzt das Sanitätshaus grundsätzlich das Messsystem Bodytronic 600 ein. „Danach nehmen wir aber immer per Hand Maß. Denn bei einer lymphologischen Versorgung muss auf Zug gemessen werden“, erklärt Beate Pohl. So kann der Strumpf den medizinisch notwendigen Druck aufbauen.

An einem Strang ziehen

Entscheidend für die Behandlung von Lip- und Lymphödemen ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Therapeuten und dem Sanitätshaus. „Das Gefährliche ist , wenn die Patienten nach einer Lymphdrainage nicht direkt mit einer Kompression versorgt werden, entweder Kompressionsbandagierung oder Kompressionsstrümpfe. Dann kommen sie zu uns zum Vermessen und die Extremitäten sind wieder mit Lymphflüssigkeit vollgelaufen‘“, erzählt André Radtke, stellvertretender Regionalleiter der Firma Schadock Berlin und Reha-Fachberater. Mit engen Partnern funktioniere die Zusammenarbeit schon gut. „Im Idealfall werden wir gleich nach der Lymphdrainage zum Vermessen in die Praxis bestellt. Aber das ist nicht immer gegeben“, so André Radtke. Bei Ärzten und Pflegefachkräften ist die Nachfrage nach Weiterbildung in der Kompressionstherapie immer noch sehr groß, deshalb werden regelmäßig durch Beate Pohl Weiterbildungen organisiert. „Gerade zum Thema Kompressionstherapie ist unser Haus immer voll. Wir möchten damit den Blick schärfen und sagen: ‚Schaut mal genauer hin, diese Person ist nicht nur dick, da ist etwas anderes.‘“ Beate Pohl ist überzeugt: „Wenn bei Lymphpatienten immer alle an einem Strang ziehen würden, dann bekäme man das Ödem besser in den Griff. Es geht nicht weg, das ist klar, aber wir könnten enorme Umfangsreduzierungen erreichen und den Leidensdruck senken.“

André Radtke, stellv. Regionalleiter bei Schadock.

Bitte mehr Verständnis

Bei Beate Pohl und ihrem Team fühlt sich Heike Voßke gut aufgehoben: „Das Verständnis für mich ist einfach da. Man fühlt sich ja selbst nicht wohl. Deswegen tut es auch immer weh, wenn die Ärzte sagen: ‚Sie müssen abnehmen.’ Möchte man ja, aber wie? Da wünsche ich mir manchmal mehr Verständnis.“ So geht es etlichen Patienten, weiß André Radtke. „Viele merken, wenn sie zu uns kommen: ‚Es hört mir endlich mal einer zu.’ Und da sind sie wirklich dankbar. Das Gros kommt gut mit der Kompressionsversorgung zurecht.“ Natürlich gibt es auch Patienten, bei denen zunächst Überzeugungsarbeit geleistet werden muss. „Bei Lip- und Lymphödemen ist für einen Therapieerfolg ein andauerndes, meist lebenslanges Tragen notwendig – das schreckt viele ab. Aber es bringt auch nichts, wenn sie den Strumpf nur einmal die Woche anlegen. Da mache ich dann schon eine klare Ansage. Bei harten Fällen schocke ich auch mal mit Bildern, wie die Krankheit im schlimmsten Fall verlaufen kann“, so Beate Pohl. Außerdem trägt das gesamte Sanitätshausteam selbst Kompressionsstrümpfe. „Das ist ganz wichtig, um die Patienten ins Boot zu holen. Nach der Devise ‚Ich habe es auch schon probiert und so schlimm ist es gar nicht’“, so André Radtke.
Bei Heike Voßke werden die Bein- und Armstrümpfe der Kompressionsklasse 2 vom Pflegedienst angezogen. Handschuhe und Bermuda legt sie selbst an. Beim Ausziehen hilft ihr Assistenzhündin Abby. „Sie hat mir gezeigt , dass es einfacher ist , wenn sie sich draufsetzt. Da ist dann das Gewicht auf den Strümpfen und ich kann sie besser ausziehen. Wenn ich beim Arzt bin, mache ich das ähnlich – ich stelle mich drauf, wie die kleinen Mädchen ihre Strumpfhosen oft ausziehen.“ Im Sommer bei hohen Temperaturen weiß sich Heike Voßke ebenfalls zu helfen. „Ich habe für mich entdeckt , die Strümpfe einfach nass zu machen. Einmal kurz mit der Dusche rüber, leicht abtupfen und dann hab ich eine richtig schöne Kühlung. Dann geht’s mir wirklich besser.“

Bilder: Anika Büssemeier


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