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Kompressionstherapie auch bei komplexen Malformationen  „Es ist eine spannende Zeit“

Ausgabe 02/2021

Gefäßchirurg Dr. Thomas Hummel ist Leitender Arzt des Arterienzentrums am St. Josef-Hospital, einem Klinikum der Ruhr-Universität in Bochum. Mit Bauerfeind life spricht er über die Behandlung komplexer venös-arterieller Durchblutungsstörungen, über geplante Forschungsprojekte zur Kompression und über die Industrie als Schrittmacher für kontinuierliche Therapieverbesserungen.

Dr. Thomas Hummel

life: Sie sind Gefäßchirurg, Phlebologe und Leitender Arzt des Arterienzentrums am St. Josef-Hospital der Ruhr-Universität (RUB) in Bochum. Was behandeln Sie, welche Schwerpunkte gibt es?

Dr. Hummel: Wir sehen das ganze Spektrum der Gefäßkrankheiten. Allein im stationären Bereich behandeln wir etwa 1.300 Fälle im Jahr. Ein Behandlungsschwerpunkt sind arterielle Rekonstruktionen wie die periphere Bypasschirurgie, das Bauchaortenaneurysma, die Karotis-OP, Dialysezugänge und minimalinvasive Katheterverfahren. Neben den arteriellen Rekonstruktionen führen wir hier auch komplexe venöse Eingriffe durch: venöse Rekanalisierungen beim postthrombotischen Syndrom, die Behandlung der Beckenveneninsuffizienz, venöse Malformationen mit Fisteln zwischen dem arteriellen und venösen System. Also kürzer gesagt: alle Gefäßerkrankungen außerhalb des Brustkorbs.

Wie häufig sehen Sie Patienten mit kombinierten komplexen, sowohl venösen als auch arteriellen Durchblutungsstörungen?

Dr. Hummel: Gar nicht mal so selten. Wir setzen da zuerst am Einstrom, also der arteriellen Seite, an und anschließend wird der Ausstrom, also die venöse Grunderkrankung, behandelt. Äußerst wertvoll ist da eine fachgerechte Ultraschalluntersuchung vor der OP, mit der wir heute sehr präzise die arteriellen und venösen Strombahnen sehen können. Als Bypassmaterial versuchen wir möglichst körpereigene Venen einzusetzen, weil die Fünf-Jahres-Offenheitsrate von Venenbypässen im Vergleich zu Prothesenbypässen besser ist.

Welchen Stellenwert hat in Ihrem thera­peutischen Konzept die Kompression?

Dr. Hummel: Das ist eine ganz grundlegende Therapie bei allen venösen Erkrankungen, ob Varikose oder postthrombotisches Syndrom. Aber auch bei den erwähnten komplexen kombinierten Malformationen behandeln wir die arterio-venösen Fisteln minimalinvasiv mit Mikrokathetern und für die venöse Seite ist danach die Kompressionstherapie der primäre Ansatzpunkt.

Patienten befürchten manchmal, mit Kompressionsprodukten nicht zurechtzukommen. Begegnet Ihnen das auch?

Dr. Hummel: Natürlich, aber die Compliance hängt auch vom Aufklärungsgespräch ab. Der Patient muss verstehen, wie wichtig das für ihn ist. Wir Chirurgen können invasiv arbeiten, aber der Patient hat es letztlich in der Hand. Bei einer komplexen Missbildung etwa muss der Patient sein Leben lang Kompressionsprodukte anwenden. Damit kann er selbst sein Befinden maßgeblich beeinflussen. Übrigens sehe ich die Vorinformation, die viele Patienten heute aus Internetrecherchen mitbringen, durchaus als eine Form der Compliance. Das macht die Aufklärung eindeutig einfacher.

Seit 1999 sind Sie als Chirurg am St. Josef-Hospital tätig, seit 2004 in der endovaskulären Chirurgie. Wie hat sich das Fachgebiet seither entwickelt?

Dr. Hummel: Da ist viel Spannendes passiert, gerade in der Gefäßchirurgie. Wir Ärzte haben eine große Auswahl an Behandlungsmöglichkeiten. Ein Beispiel sind die neuen Atherektomiesysteme, das ist eine Art Schaber oder Bohrer, mit dem wir kurze Verschlussstellen aus dem Körper entfernen können. Oder die neuen Embolieprotektionssysteme in der Karotistherapie, da verhindern wir mit einem Mikrofilter, dass Partikel von der Engstelle aus weiterwandern und eine Embolie auslösen. 

„Wir Chirurgen können invasiv arbeiten, aber der Patient hat es letztlich in der Hand. Bei einer komplexen Missbildung kann er mit Kompressionsprodukten sein Befinden maßgeblich beeinflussen.“
Dr. Thomas Hummel

Wer treibt diese Entwicklungen so schnell voran?

Dr. Hummel: Da haben wir der Industrie viel zu verdanken. Momentan läuft die Studien- und Evidenzlage der schnellen technischen Entwicklung sogar hinterher. Man muss aber die technischen Neuerungen mit Evidenz füllen und deren Überlegenheit natürlich auch nachweisen. Dann könnten wir die Indikationen durchaus ausweiten. Auch Grundlagenforschung fehlt. Beispielsweise ist eine bestimmte Genmutation entdeckt worden, welche den Schutz vor Gefäßerkrankungen begünstigt, ein interessanter Ansatzpunkt für weitere Forschung. Oder die Prophylaxe: Es gibt heute wirksamere Lipidsenker, es gibt neue orale Antikoagulanzien – auch dies sind Themen, die bearbeitet werden müssen. Es ist eine spannende Zeit.

Wie bleiben Sie im Austausch mit Ihren Fachkollegen und mit Forschern?

Dr. Hummel: Die Gefäßgesellschaft West und die Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Gefäßchirurgie bieten mit Symposien und Kongressen sehr hochwertige Fort- und Weiterbildungen an, momentan natürlich leider ohne Präsenz. Auch ich bringe mich bei solchen Veranstaltungen ein, zudem lehre ich an der Ruhr-Universität, halte dort Vorlesungen und gebe Seminare.

Sie haben nun Ihre Habilitationsschrift zur Begutachtung eingereicht. Was ist Ihr Forschungsthema?

Dr. Hummel: Ein arterielles Thema: Es geht um Aspekte der Thromboembolieprophylaxe, also mit ASS und mit Clopidogrel, sowie um die Therapie mit Lyseverfahren. Immerhin ist ungefähr jeder Fünfte ein sogenannter „low responder“ gegenüber Thrombozytenaggregationshemmern. Hier wollen wir ein leitlinienkonformes Behandlungsschema anbieten. Und bei den Lyseverfahren wollen wir Risikofaktoren identifizieren sowie Kriterien für geeignete Patienten herausarbeiten.

Bilder: Katholisches Klinikum Bochum, stock.adobe.com/Khaligo


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