Kompressionsstrümpfe·Ulcus Cruris Venosum

»Kompression ist eine chronische Therapie«

Therapiekonzept Wunde aus medizintechnischer Sicht

Von Bauerfeind Life Magazin

Kurz & knapp „Kompression ist eine chronische Therapie“, sagt Erik Küppers, Arzt und Geschäftsführer der Bösl Beteiligungsgesellschaft Aachen. Denn mit dem Wundverschluss eines Ulcus cruris venosum lässt sich die Ursache des Problems, die chronische Venenerkrankung, nicht beseitigen. Der Gefäßspezialist rät:

  • Bei der Entstauungstherapie auf die Wirkung des gesamten Therapiespektrums aus manuellen Lymphdrainagen, Kompressionsverbänden, intermittierender pneumatischer Kompression (IPK) und medizinischen Kompressionsstrümpfen zu setzen.
  • Therapie und Versorgung individuell auf den einzelnen Patienten abzustimmen und auch immer wieder zu überprüfen.
  • Patienten nachhaltig darüber aufzuklären, dass Kompression nur dann wirken kann, wenn sie täglich angewendet wird.

Ein Ulcus cruris venosum lässt sich mit Hilfe physikalischer Entstauungstherapie meist heilen. Doch ihr Auslöser, die chronische Venenerkrankung, bedarf lebenslanger Kompression. Auch die Selbstfürsorge der Patienten ist gefragt, wie Wundspezialist Erik Küppers im Interview erklärt.

life: Ein Ulcus cruris venosum lässt sich mit Hilfe physikalischer Entstauungstherapie meist heilen. Doch ihr Auslöser, die chronische Venenerkrankung, bedarf lebenslanger Kompression. Auch die Selbstfürsorge der Patienten ist gefragt, wie Wundspezialist Erik Küppers im Interview erklärt.

Erik Küppers: Tatsächlich kennen wir dazu bisher nur wenige Daten. Über die Eurocom1 haben wir gerade eine große Studie initiiert, die das sogenannte Social Burden der Erkrankungen untersuchen soll, die rund um die Kompression angesiedelt sind. Fest steht: Die gesamtwirtschaftlichen Kosten über das eigentliche Thema Hilfsmittel hinaus sind erheblich. Denn die Gefäße sind geduldig, aber irgendwann schlagen sie ganz extrem zu. Wenn bei einem Ulkus plötzlich die Haut aufbricht, verändert sich für den Betroffenen von heute auf morgen die ganze Welt.

Gefäßerkrankungen haben meist einen chronischen Verlauf und benötigen deshalb eine chronische Therapie.

Das Ulcus cruris venosum entsteht aufgrund einer chronischen Venenerkrankung. Sie haben den Begriff der chronischen Therapie geprägt. Was bedeutet das für Sie?

Erik Küppers: Viele Menschen unterdrücken die Erkrankung lange Zeit. Erst haben sie nur Besenreißer, später Krampfadern, dann eine kleine rote Stelle. Wenn man nicht rechtzeitig handelt, geht die Wunde auf. Nach der eingehenden Diagnostik müssen Therapieplan und Therapieziel erstellt werden. Der Wundverschluss lässt sich meist gut bewirken, wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass wir chronische Venenerkrankungen immer nur symptomatisch therapieren. Die Ursache des Problems können wir nicht beseitigen. Auch wenn die Wunde geschlossen ist, brauchen chronische Gefäßerkrankungen eine chronische Therapie. Und zwar regelmäßig. Täglich. Für die nächsten 100 Jahre, wie ich meinen Patienten immer sage, auch 85-jährigen, das klingt positiver als „bis an ihr Lebensende“. Wir müssen die Menschen auf eine lange, anspruchsvolle Reise mitnehmen. Dazu brauchen wir ihre Adhärenz. Ich motiviere daher alle, sich jeden Tag die Beine einzucremen und dabei anzuschauen. Am Bein kann ich den Zustand meiner Gefäße ablesen. 

„Wir müssen die Menschen auf eine lange,
anspruchsvolle Reise mitnehmen.“

Erik Küppers

Wie wirkt sich die Ödembildung auf das Krankheitsbild aus, und welche Rolle spielt die Entstauung dabei?

Erik Küppers: Die Ödembildung und das Entstauen bedingen einander. Dazu muss man wissen: Die Gewebezelle im Bein wird vom Blutgefäßsystem mit wichtigen Stoffen versorgt. Dazu diffundieren (fließen) diese Stoffe über eine definierte Strecke. Über die gleiche Strecke werden außerdem Stoffwechselendprodukte von den Zellen zu den Gefäßen abtransportiert. Ein Ödem verlängert nun diese Diffusionsstrecke. Das führt zu Ablagerungen und einer Unterversorgung der Gewebezellen und das wiederum verstärkt das Ödem. Der Transport ist gestört, es kommt zu einer Ansammlung 

Was bewirkt Kompression genau, und welche Mittel stehen dafür zur Verfügung?

Erik Küppers: Zu Beginn erfolgt immer eine Entstauungstherapie, zum Beispiel mit Lymphdrainage oder intermittierender pneumatischer Kompression (IPK) und Kompressionsverbänden. Sie kann Wochen oder Monate dauern. Erst in der Erhaltungsphase kommen medizinische Kompressionsstrümpfe zum Einsatz, die am entstauten Bein angemessen werden müssen. Neben der Entstauung hat die Kompressionstherapie einen zusätzlichen biochemischen Effekt. Wir wissen, dass man sich mit Kompression bewegen muss, um den Blutstrom zu beschleunigen, der die Scher- und Reibungskräfte an den Gefäßwänden erhöht. Diese Effekte setzen ganz viele biochemische Stoffe frei. Je mehr ich mich unter Kompression bewege, desto besser der Effekt. Entstauung und Kompression führen also nicht nur dazu, ein Ödem quasi zur Toilette zu bringen, sondern setzen auch biochemische Stoffe frei, die die Fließeigenschaften des Blutes günstig beeinflussen. Die verschiedenen Hilfsmittel ergänzen sich dabei und können auch parallel eingesetzt werden. Für die optimale Versorgung gibt es keinen Standard, wir müssen die Menschen immer individuell anschauen. 

Bei einer wirksamen Therapie eines Ulcus cruris venosum können sich Hilfsmittel wie die intermittierende pneumatische Kompression (IPK) mit dem lympho-mat und medizinische Kompressionsstrümpfe wie der VenoTrain ulcertec ergänzen.

Wo liegen die Vorteile der intermittierenden pneumatischen Kompression?

Erik Küppers: Sie kann sowohl in der Entstauungs- als auch in der Erhaltungsphase eingesetzt werden. In 95 von 100 Fällen kommen wir mit Strümpfen und Verbänden zurecht, aber bei den übrigen fünf Fällen ist die IPK die letzte wirksame Instanz in der Therapie. Zum Beispiel auch bei immobilen Patienten oder bei peripherer Durchblutungsstörung und Polyneuropathie. Die IPK beschleunigt bei offenen Beinen den Heilungsprozess und das bedeutet eine verkürzte Schmerzenszeit – ein entscheidendes Kriterium für das Therapieziel. Ein besonderer Vorteil der IPK ist, dass der Patient selbst Behandlungsdruck und -zeit bestimmen und anpassen kann. Sie ist also ein wichtiger Beitrag zur Selbstfürsorge. 

Welche Art von Kompressionsstrümpfen empfehlen Sie Ihren Patienten?

Erik Küppers: Jeder Patient hat ein individuelles Krankheitsbild. Wir brauchen das Produkt, das zum Menschen passt. Das Wichtigste ist: Die Versorgung muss jeden Tag ans Bein! Wir müssen die IPK oder Kompressionsstrümpfe so vermitteln, dass sie täglich angewendet oder getragen werden. Nur dann besteht auch die Chance, dass so schnell kein Rezidiv auftritt. Aber wenn Hilfsmittel im Schrank liegen, haben wir ein klinisches und ein sozialökonomisches Problem, womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären.

Intermittierende pneumatische Kompression

Bei der intermittierenden pneumatischen Kompression (IPK) werden Behandlungsmanschetten mit Luftkammern an die betroffenen Gliedmaßen angelegt. Der lympho-mat pumpt die Kammern nacheinander mit Luft auf. Druck und Zeit kann der Patient nach Absprache mit dem Arzt selbst einstellen. Der physikalische Entstauungseffekt tritt relativ schnell ein: Bereits nach etwa 30 Minuten müssen Patienten in der Regel Wasser lassen, nach etwa 45 Minuten berichten sie von einem angenehmen Kribbeln – die arterielle Durchblutung wird angeregt. Je nach Indikation empfehlen Experten eine Anwendung von etwa einer Dreiviertelstunde bis zu mehreren Stunden am Tag. 

1 European Manufacturers Federation for Compression Therapy and Orthopaedic Devices

Bilder: Bauerfeind, Bösl Medizinzechnik, Erik Küppers, Michael Bause, AdobeStock.com/chatuphot

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