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Knieversorgung nach Polytrauma „Die Verantwortung für dieses fragile System ist groß“

Ausgabe 01/2016

Der Orthopäde und Unfallchirurg Priv.-Doz. Dr. med. Peter Brucker ist der behandelnde Arzt Angelika Allmanns und koordiniert alle Therapieschritte. Zum Vertrauensverhältnis der beiden trägt auch eine Orthese bei.

Welches war aus ärztlicher Sicht die größte Herausforderung nach Frau Allmanns Sturz?
PD Dr. Brucker: Angesichts der Vielzahl und der Schwere ihrer Verletzungen wurde Gela in Island trotz der schwierigen Umstände ausreichend primär notversorgt. Dennoch kam sie in München in einem Zustand an, der noch mehrerer operativer Eingriffe bedurfte. Wir mussten uns initial erst ein Bild über das gesamte Verletzungsausmaß verschaffen. Schnell hat sich hierbei die Versorgung des rechten Beins und speziell des rechten Kniegelenks als Mammutaufgabe herausgestellt. Ganz wichtig war die kollegiale Abstimmung mit allen Beteiligten der Unfallchirurgie am Klinikum rechts der Isar und den Neurochirurgen im Krankenhaus Günzburg, die eine Nerventransplantation als Interponat auf den gerissenen Nervus peronaeus durchführten. Und Gelas Motivation, vertrauensvoll und ex­trem engagiert mitzuarbeiten, die von Anfang an spürbar war.

Umsichtiger Arzt, der die Zukunft seiner Patientin fest im Blick hat: Priv.-Doz. Dr. med. Peter Brucker.
Umsichtiger Arzt, der die Zukunft seiner Patientin fest im Blick hat: Priv.-Doz. Dr. med. Peter Brucker.

In welchem Zustand genau war das Knie?
PD Dr. Brucker: Durch das wiederholte Aufprallen auf Felsen, Geröll und Eis kam es zu einem massiven Polytrauma. Im rechten Knie waren beide Kreuzbänder sowie das Außenband und die sogenannte posterolaterale Gelenkecke gerissen. Der Außenmeniskus war sowohl an der vorderen als auch hinteren Wurzel aus- und in sich mehrmals eingerissen. Durch eine Impressionsfraktur auf Höhe des medialen Tibiaplateaus lag ein deutlicher Knorpelschaden vor. Zudem war der Nervus peronaeus gerissen und eine arterielle Verletzung des Poplitealgefäßes nachweisbar, welche bereits vor Ort in Island eine notfallmäßige Versorgung vor Ort notwendig machte, um das Bein aufgrund der Gefäßschädigung durch Ischämie nicht zu verlieren.

Was bestimmte Ihr Vorgehen?
PD Dr. Brucker: Nach einer Arthrolyse, dem Entfernen des Fixateurs, externen und weiteren therapeutischen Maßnahmen an beiden Kniegelenken – das kontralaterale Kniegelenk hatte einen knöchernen hinteren Kreuzbandausriss –, empfahl der Neurochirurg, nach der Nerventransplantation mehrere Monate keine weiteren operativen Interventionen am betreffenden Kniegelenk vorzunehmen. Ein Zuwarten hinsichtlich der Nervenregeneration war und ist nach wie vor angezeigt. Die Verantwortung für dieses fragile System Knie ist groß. Eine hintere Kreuzbandschiene für beide Kniegelenke sowie Spitzfußprophylaxe am rechten Bein kamen ebenfalls zum Einsatz. In dieser Zeit hat auch die SecuTec Genu eine wesentliche Rolle gespielt.

Inwiefern?
PD Dr. Brucker: Die Orthese erlaubte eine frühe und sichere Mobilisierung der Patientin zur Kniestabilisierung, da bisher die Kreuzbänder und die posterolaterale Gelenkecke aufgrund der Gefäß-, Nerven- und Hautschäden nicht versorgt werden konnte. Die Knieorthese ermöglicht sowohl eine Schonung als auch Training des Gelenks. Zuerst hatte sie eine maßgefertigte Orthese zur Stabilisierung und zur Spitzfußprophylaxe für die erste Zeit getragen. Diese musste sie dann ablegen, weil sie nicht die Flexibilität der SecuTec Genu bot. Sie konnte einfach nicht Schritt halten mit Gelas Muskelwachstum.

Welches ist der nächste Therapieschritt?
PD Dr. Brucker: Wenn wir das grüne Licht vom Neurochirurgen haben, werden wir am rechten Knie eine Umstellungsosteotomie bei gleichzeitig vorbestehendem O-Bein vornehmen, um die seitliche Instabilität zu kompensieren. Allerdings ist die Hautsituation am Ort des geplanten Eingriffs noch als kritisch zu bewerten. Da wollen wir auf keinen Fall das Risiko einer Wundheilungsstörung eingehen. Ich bin aber optimistisch, dass sich die Haut, wie der Nerv auch, weiterhin regeneriert und normalisiert. Dies ist eine Frage der Zeit und stellt eine enorme Herausforderung an die Compliance der Patientin.

Bilder: Conny Kurz