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„Het Lymfehuis“ in Antwerpen/Belgien „Eine solche Einrichtung war längst überfällig“

Ausgabe 02/2016

Es ist das erste Haus seiner Art in ganz Belgien: ein Ort, an dem Patienten mit Lymphödem sowie Ärztin und Therapeuten außerhalb eines Krankenhauses zusammenkommen. Das Antwerpener „Lymfehuis“ ist nicht nur ein Therapie-zentrum, es ist auch ein Ort der Begegnung.

Das schmale Reihenhaus sieht aus wie alle anderen auch an dieser langen Ausfallstraße Antwerpens: zweistöckig, Klinkersteinfassade, Glasfront zur Straßenseite. Nichts deutet auf das Besondere hin. Ein Aushang im Fenster macht klar, dass die Adresse stimmt: „Het Lymfehuis“ steht mit kleinen Lettern geschrieben. Der karge Empfangsraum zeigt , hier muss vor kurzem ein Einzug nur erst einmal mit dem Allernötigsten stattgefunden haben. „Es ist alles noch brandneu“, bestätigt Tim Decock.
Der Physiotherapeut, spezialisiert auf Manuelle Lymphdrainage nach Vodder (MLDV), wartet im Obergeschoss vor einer geöffneten Glastüre. Im Hintergrund ist eine Behandlungsliege zu sehen. Eine Patientin verlässt das Zimmer, drei weitere warten auf weißen Sesseln neben der Empfangstheke. Es ist sieben Uhr abends. Eine sportliche Frau erklimmt gerade die letzten Treppenstufen ins Obergeschoss. Dr. Lore Fias, Gefäßchirurgin und Phlebologin, kommt vom Universitätskrankenhaus Antwerpen, wo sie tagsüber arbeitet. „Vor drei Wochen sind wir eingezogen“, sagt sie, kaum außer Atem. Tim Decock, in Jeans und modischem Hemd, lacht: „Eine Kaffeemaschine haben wir aber schon.“

Nicht Lymphklinik, sondern Lymphhaus

Physiotherapeut Tim Decock.
Physiotherapeut Tim Decock.

Zum Kaffeetrinken jedoch dürfte Tim Decock und Dr. Fias in den letzten drei Wochen bisher nur wenig Zeit geblieben sein. Mag das Lymphhaus nach außen hin spartanisch wirken, seine Ziele kann man indes mit Fug und Recht als Herkulesaufgabe bezeichnen. Die in der Umsetzung durchaus Spaß zu machen scheint, wie die beiden, trotz der vorgerückten Abendstunde, scherzend demonstrieren. „Wir haben unseren Traum endlich erfüllt“, sagt Dr. Fias. Aus ihren Worten klingt ein besonderer Ton der Überzeugung. „Wir wollen Lymphödempatienten einen zentralen Ort geben, der ihnen die weiten Wege von Therapeut zu Therapeut erspart“, sagt Dr. Fias. „Die Patienten haben mit ihrer Erkrankung schon mehr als genug zu tun.“ Tim Decock ergänzt: „Unser Haus haben wir bewusst Lymphhaus genannt. Es soll nicht nach Privatklinik und teuer klingen. Die Hürde ist dann nicht so hoch. Jeder kann kommen und zahlt das gleiche wie in einer normalen Praxis oder im Krankenhaus.“
Was die Patienten allerdings nur im Lymphhaus erhalten, ist einzigartig. Sie treffen auf Therapeuten und Spezialisten unterschiedlichster Disziplinen, die sonst nur in großen Universitätskrankenhäusern wie beispielsweise dem in Antwerpen beschäftigt sind. Neben Tim Decock und Dr. Fias arbeiten zwei Bandagisten im Lymphhaus-Team, die sich unter anderem auf die Behandlung von Patienten mit schwierig zu versorgenden Lymphödemen spezialisiert haben. Wichtig ist dabei die exakte Ausmessung der betroffenen Region des Körpers. Neben dem Kernteam Physiotherapeut/Ärztin/Bandagistin gehören noch ein Psychotherapeut, eine Ernährungsberaterin sowie Ulcera-cruris-Krankenpflegekräfte zum erweiterten Mitarbeiterkreis.

Strümpfe in Flachstricktechnik

Die Patientenaufklärung liegt Dr. Lore Fias besonders am Herzen.
Die Patientenaufklärung liegt Dr. Lore Fias besonders am Herzen.

Zentrale Anlaufstelle für Patienten, unterschiedliche Disziplinen der Therapeuten, Behandlungsräume – das Lymphhaus ist aber mehr als die Summe dieser Teile. „Wir wollen nach außen wirken“, betont Tim Decock. „Wir wollen aufklären. Noch immer gibt es zu viele Missstände.“
Ein Beispiel ist die Kompressionsstrumpfversorgung in der zweiten Therapiephase. Bei der Behandlung von Lymphödemen hat sich die Entstauungstherapie als erste Therapiephase durchgesetzt. Ein Kompressionsverband in Wickeltechnik übt Druck auf Gewebe und Muskulatur aus. Er unterstützt die Entstauung, fördert den Lymphabfluss und verhindert das Rückfließen der Gewebeflüssigkeit in die betroffenen Körperteile. Auch die MLDV, wie Tim Decock sie praktiziert, ist Teil der Entstauungstherapie. In der zweiten Therapiephase erhält der Patient dann spezielle Kompressionsstrümpfe, die den Entstauungserfolg erhalten sollen. Diese Versorgungen für Arme, Hände, Beine und Zehen sind individuell in Flachstricktechnik gefertigt. Flachgestrickte Kompressionsversorgungen können der Anatomie optional angepasst werden. Ihr Gewebe weist einen hohen Arbeitsdruck auf. Dadurch setzen die flachgestrickten Versorgungen dem Gewebe einen höheren Druck entgegen als rundgestrickte Versorgungen. Bei Lip- und Lymphödemen sind sie daher die Kompressionsversorgung der Wahl. Entscheidend für den Therapieerfolg ist jedoch das richtige, in der Realität aber leider oft falsche Tragen der Versorgung.

Skurrile Strumpfmode

Bilder sagen oft mehr als Worte: Dr. Fias dreht ihren Laptop zum Mitsehen zur Mitte des Tisches. Eine Aufnahme zeigt ein Bein mit dem lose herabhängenden Bund eines umgekrempelten Kompressionsstrumpfes knapp über dem Knie. Der Oberschenkel ist nahezu abgeschnürt. Das skurrile Bild erinnert an barocke Rüschenstrumpfmode und nicht an moderne Lymphödemtherapie. „So etwas sehen wir immer wieder“, schildert Dr. Fias besorgt. „Spätestens beim Anziehen der Versorgung werden die Patienten oft allein gelassen.“ Aufklärung oder Selbstmanagement, wie Dr. Fias es nennt, tut not. „Wenn der Patient von uns nach Hause geht, muss er wissen, in welcher Phase er sich befindet und welches die nächsten Schritte sind.“

„Zusammen sind wir noch stärker“

Das Antwerpener Lymphhaus würde seinem Namen nicht gerecht, ließe es nicht noch eine andere Art der Begegnung zu: Auch die Patienten treffen aufeinander und reden. Über Dinge, die selbst ein erfahrener Therapeut und Dozent wie Tim Decock schlicht nicht kennt: „Ich weiß zwar, was auf Frauen nach Brustkrebsoperation an weiteren Maßnahmen oft zukommt“, sagt der Physiotherapeut, „aber aus eigener Erfahrung sagen, wie es sich anfühlt, kann ich nicht. Das kann nur eine andere Patientin, die beispielsweise eine Bestrahlung selbst erlebt hat.“ Auch solche Dialoge sind es, die Dr. Fias und Tim Decock keinen Moment am Lymphhaus zweifeln lassen. „Wir müssen einfach Erfolg haben“, sagen sie selbstbewusst. „Eine solche Einrichtung war längst überfällig.“ Beide behandeln noch zusätzlich Patienten in ihren jeweils eigenen Praxen. Aber der Physiotherapeut und die Ärztin merken jetzt schon: „Zusammen sind wir noch stärker.“

Bilder: Tim Decock, Stefan Durstewitz