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Hämodynamik-Studie bei CVI-Patienten Kompressionstherapie verringert kapillare Hypertension

Ausgabe 02/2020

Bei Patienten mit chronisch-venöser Insuffizienz (CVI) löst Bewegung einen Druckanstieg in den Kapillaren der Füße aus und kann die kleinsten Gefäße auf Dauer schädigen. Dass Kompressionsstrümpfe in der Lage sind, die kapillare Hypertension signifikant zu reduzieren, konnten Dr. med. Anja Oelert, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, et. al. nachweisen.

life: Bei intakten Gefäßen unterstützt die Anspannung der Wadenmuskulatur sowohl den Blutfluss bis in die kleinsten Gefäße als auch den venösen Rücktransport zum Herzen. Was passiert jedoch auf Dauer bei Patienten mit chronischen Venenleiden?

Dr. Oelert: In unserer aktuell veröffentlichten, klinisch-experimentellen Pilotstudie1 konnten wir erstmalig zeigen, dass die Aktivierung der sogenannten Wadenmuskelpumpe einen zu schnellen Druckanstieg auf der kapillaren Ebene bei Patienten mit CVI-bedingtem venösen Rückstau auslöst. Wir konnten zudem belegen, dass eine Kompressionstherapie in Form eines gut angepassten Kompressionsstrumpfs einen zu raschen Druckanstieg in den kleinsten Kapillaren verhindert. Die Bedeutung der Elastizität des gesunden Kapillarbetts für die Regulation der Mikrozirkulation, d. h. des Austauschs von essenziellen Nährstoffen und Sauerstoff und des Abtransports von Schadstoffen und CO2, war bis dahin nicht bekannt. Der kapillare Hochdruck kann somit möglicherweise zu einem zunehmenden Schaden und sogar zur Destruktion der kleinsten Kapillaren beitragen. Diese Mikroangiopathie zeigt sich unter anderem in einer vergleichsweisen Abnahme der Anzahl der Kapillaren und in weiteren morphologischen Schäden, wie ­Mikrothromben in den kleinsten Hautgefäßen. Klinisch können sich diese Schäden bei Patienten mit chronisch-venöser Insuffizienz unter anderem in Form von den bekannten Hautveränderungen wie Hyperpigmentierungen, Verhärtung der Haut bis hin zu schmerzhaften venösen Ulzera äußern.

Dr. med. Anja Oelert praktiziert als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Heidelberg.

Was bewirken Kompressionsstrümpfe in diesem Fall?

Dr. Oelert: Wir konnten zeigen, dass ein gut angepasster medizinischer Kompressionsstrumpf bei Aktivierung der Muskelpumpe von CVI-Patienten die Anstiegszeit bis zum Erreichen des maximalen Kapillardrucks deutlich verlängert. Eine zunehmende Schädigung, wie zum Beispiel die Abnahme der Hautkapillaren, könnte somit reduziert oder zumindest ausgeglichen werden. Dies erlaubt die Annahme, dass die klinisch erwiesene Wirksamkeit von Kompressionsstrümpfen hilft, den Blutfluss in den kleinsten Gefäßen zu verbessern.

Wie konnten Sie und Ihr Team das nachweisen?

Dr. Oelert: Die Untersuchungen haben wir jeweils in einem klimatisierten klinischen Labor unter streng standardisierten Bedingungen durchgeführt. Dabei wurde zunächst bei jeweils sitzenden Patienten der zu untersuchende Fuß auf einem speziellen Mikroskopiertisch fixiert, um Bewegungsartefakte auszuschließen. Der Kapillardruck wurde anschließend mit speziell angefertigten Messmikropipetten aus Glas in einer Kapillarschleife im Nagelfalz der Großzehe gemessen. Den Kapillardruck haben wir einheitlich nach der Servo-Nulling-Methode erfasst.
Die Patienten hatten eine duplexsonografisch nachgewiesene CVI. Zwei Patienten zeigten zudem klinisch venöse Ulzera und drei Patienten Veränderungen der Haut in Form von Lipodermatosklerose. Mit Hilfe einer um die Wade befestigten Blutdruckmanschette wurde jeweils die Muskelpumpe standardisiert und imitiert: Innerhalb von zwei Sekunden wurde die Blutdruckmanschette auf 60 mmHg aufgepumpt und für genau 60 Sekunden so belassen. Mittels computergestützten Messungen haben wir dann die exakten Druckkurven aufgenommen und standardisiert ausgewertet. Zeitgleich wurden eine EKG-Messung und die Hauttemperatur sowie Blutdruck und Puls der Patienten für die Dauer der Untersuchung erfasst. Diesen Versuchsaufbau haben wir dann jeweils mit und ohne Kompressionsstrumpf durchgeführt, um unter anderem den Verlauf der Druck­kurven bis zum maximalen Druckpunkt in den kleinsten Nagelfalzkapillaren der Großzehe zu analysieren. Für die Studie haben wir den Kompressionsstrumpf VenoTrain ulcertec verwendet.
Die Auswertung ergab, dass der Kapillardruck in den Kapillarschleifen ohne Kompressions­strumpf deutlich schneller anstieg, nämlich im Mittel 5,65 mmHg/s als mit Kompressionsstrumpf. Da betrug der Anstieg im Mittel 2,47 mmHg/s. Die Anstiegszeit bis zum maximalen Kapillardruck betrug mit Kompressionsstrumpf im Mittel 23,40 Sekunden und war somit deutlich verlangsamt. Ohne Kompressionsstrumpf betrug die Anstiegszeit bis zum maximalen Kapillardruck im Mittel 11,35 Sekunden.
Wir konnten mit dieser Studie zum ersten Mal den klinischen Nachweis erbringen, dass eine Therapie mit Kompressions­strümpfen einen zu raschen Druckanstieg in den kleinsten Kapillaren verhindert. Medizinische Kompressionsstrümpfe helfen, den Blutfluss in den kleinsten Gefäßen zu verbessern, und können auf diese Weise das Abheilen von venösen Ulzera rein mechanisch ganz wesentlich unterstützen.

„Der Kompressionsstrumpf konnte die Anstiegszeit bis zum Erreichen des maximalen Kapillardrucks deutlich verlängern.“
Dr. med. Anja Oelert

Wie haben die Patienten auf den Strumpf reagiert?

Dr. Oelert: Die CVI-Studienpatienten haben den Strumpf als sehr angenehm empfunden und den hohen Tragekomfort gelobt. Er lässt sich als einer der wenigen Kompressionsstrümpfe auch bei Patienten mit schmerzhaften venösen Ulzera anwenden und war deshalb für unsere Studie sehr gut geeignet.

Welche qualitativen Voraussetzungen sollten Kompressionsstrümpfe erfüllen, um dem ambulanten kapillaren Bluthochdruck entgegenzuwirken?

Dr. Oelert: Für uns war der konstante Anpressdruck von 36 mmHg, also Kompressionsklasse 3, besonders wichtig. VenoTrain ulcertec weist diesen Anpressdruck auf und unterbindet damit wesentlich den venösen Reflux von proximal nach distal, das heißt er reduziert den pathologischen Anstieg des Kapillardrucks in hohem Maß. Und wie schon erwähnt ist auch von Vorteil, dass diesen Strumpf Patienten mit venösen Ulzera tragen können, also Patienten mit klinisch weit fortgeschrittener venöser Insuffizienz.


Erklärung Titelbild oben: Mit einer Messmikropipette aus Glas wird der Kapillardruck in einer Kapillarschleife im Nagelfalz der Großzehe gemessen. Ein Eintrittswinkel der Pipette zum ebenen Untersuchungsfeld von etwa 50 Grad ist optimal.

1  Oelert A. et al.: Medical compression stockings reduce hypertension of nailfold capillaries at the toe of patients with chronic venous insufficiency, Clin Hemorheol Microcirc. 2018; 69(1-2): 115–121.

Bilder: Universität Greifswald, Kerstin Schmid/Fotostudio Sauer


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