Arthrose·Orthesen

Frühzeitige Diagnose ist möglich

Coxarthrose-Forschung: aktuelles Systematic Review

Von Bauerfeind Life Magazin am 28.06.2024

Kurz & Knapp Die Gelenkkinematik kann schon frühzeitig wichtige Hinweise auf eine sich entwickelnde Coxarthrose (HOA) geben und beschreiben. Hierdurch kann wertvolle Zeit für eine frühe therapeutische Intervention gewonnen werden. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat die Bewegungswissenschaftlerin und Studienleiterin Hannah Steingrebe in einer Meta-Analyse 35 HOA-Studien ausgewertet.

  • Die Reduktion der maximalen Hüftextension und dadurch eine Verringerung des Bewegungsradius in der Sagittalebene ist ein signifikanter Hinweis auf eine Coxarthrose.
  • Bereits bei milder bis moderater Arthrose ist die Reduktion des Gesamtbewegungsumfangs erkennbar. Bei schwergradiger Arthrose ist hingegen die Reduktion der Maximalextension stark ausgeprägt.
  • Eine frühzeitige therapeutische Intervention ist wichtig, um schmerzbedingte Schonhaltungen, die Abschwächung notwendiger Muskulatur sowie die Überlastung von passiven Strukturen und anderen Gelenken zu vermeiden.
  • Eine Betrachtung nicht nur des Hüftgelenks selbst, sondern auch von Knie- und Sprunggelenk sowie Becken kann Therapiemaßnahmen ermöglichen, die individuell auf die spezifischen Veränderungen des Gangbilds eingehen.
  • Es wäre wünschenswert, dass bei Coxarthrose sowohl eine radiologische Einstufung als auch eine funktionelle Einstufung des Schweregrades auf Basis von standardisierten Fragebögen oder funktionellen Tests erfolgen.

Coxarthrose beginnt leise. Doch erste Symptome, wie bestimmte Veränderungen im Bewegungsmuster, könnten deutlich früher erkannt werden und dadurch wäre das Zeitfenster für therapeutische Interventionen weiter geöffnet. Was ihr Fachgebiet hierzu beitragen kann, erläutert die Bewegungswissenschaftlerin Hannah Steingrebe. Sie hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eine Meta-Analyse durchgeführt für einen systematischen Forschungsüberblick über die Gelenkkinematik bei Coxarthrose.

life: Welche für die Diagnostik wie auch für eine Therapie relevanten Parameter kann die Bewegungswissenschaft bei der Coxarthrose erfassen und beschreiben?

Hannah Steingrebe: Gangbewegungen sind immer Ganzkörperbewegungen. Deshalb war es in unserer aktuellen Meta-Analyse (siehe Kasten) wichtig, nicht nur das Hüftgelenk selbst, sondern auch Knie- und Sprunggelenk sowie Becken mitzubetrachten. Ein umfassendes Verständnis der Veränderungen des Bewegungsmusters ermöglicht es, Betroffene best- und frühestmöglich zu identifizieren. Dadurch können Therapiemaßnahmen hoffentlich früher ansetzen. Zudem können dadurch Effekte von Therapien objektiv quantifiziert werden. Und letztendlich können neue Therapiemaßnahmen entwickelt werden, die individuell auf die spezifischen Veränderungen im Gangbild eingehen.

Bewegungswissenschaftlerin Hannah Steingrebe.

Welche kinematischen Dysfunktionen konnten Sie in der Meta-Analyse identifizieren?

Hannah Steingrebe: Da in den 35 inkludierten Studien eine Vielzahl an Parametern untersucht wurde, gab es nicht die eine, durchweg dokumentierte Dysfunktion. Es wurden aber einige Dysfunktionen deutlich häufiger identifiziert.

Ein Parameter, der über 17 Studien hinweg eine systematische Veränderung gezeigt hat, war die Reduktion der maximalen Hüftextension. Und über neun Studien hinweg wurde gezeigt, dass diese Reduktion der maximalen Hüftextension insgesamt zu einer Verringerung des Bewegungsradius in der Sagittalebene führt. Das betrifft dann vor allem Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen.

Bei der weiterführenden Analyse des Einflusses des Schweregrads auf diese Parameter hat sich gezeigt, dass die Reduktion der Maximalextension vor allem bei fortgeschrittener Arthrose sehr ausgeprägt ist, wohingegen diese bei milder bis moderater Arthrose nur teilweise erkennbar ist. Dafür ist die Reduktion des Gesamtbewegungsumfangs auch bei milder bis moderater Ar­thr­ose bereits systematisch erkennbar.

Ließen sich in den Studien kinematische Effekte feststellen, die auf die Wirksamkeit bestimmter therapeutischer Maßnahmen hinweisen?

Hannah Steingrebe: Effekte durch therapeutische Interventionen haben wir als Parameter bei dieser Analyse bewusst außen vorgelassen. Jedoch zeigt sich, dass die Veränderungen im Bewegungsmuster mit zunehmendem Schweregrad der Arthrose immer deutlicher hervortreten. Maßnahmen, die es den Patienten ermöglichen, den anatomisch vorhandenen Bewegungsspielraum des Hüftgelenks auch funktionell optimal zu nutzen, wären hier auf jeden Fall hilfreich, ebenso eine erfolgreiche Schmerzbehandlung. Wird nicht möglichst frühzeitig therapeutisch interveniert, kann es zu einer Abwärtsspirale von schmerzbedingter Schonhaltung, Abschwächung notwendiger Muskulatur und Überlastung von passiven Strukturen und anderen Gelenken kommen. Das bestätigten zum Beispiel die Ergebnisse einer von uns durchgeführten Studie zum Einfluss einer Hüftorthese auf das Schmerzempfinden und die Mobilität bei Patienten mit milder bis moderater Hüftarthrose.

Fanden Sie Parameter der Gelenkfunktion, die für die klinische Arbeit mit Coxarthrose-Patienten ganz besondere Aussagekraft haben?

Hannah Steingrebe: Ich denke, die Verminderung des Bewegungsausmaßes in der Flexion und vor allem der Extension des Hüftgelenks kann auch in der Klinik hilfreich sein. Unsere Meta-Analyse hat gezeigt, dass diese bereits früh auftritt und im Verlauf der Erkrankung zunimmt. Eine routinemäßige Kontrolle des Bewegungsumfangs könnte hier frühzeitig zum Erkennen von Veränderungen dienen. Abweichungen von wenigen Graden, die mit dem Auge gar nicht oder nur schwer zu erfassen sind, können durch eine biomechanische Bewegungsanalyse sichtbar gemacht werden.

Zeigt Ihre Analyse Pfade auf, die für weiterführende Forschung beschritten werden sollten?

Hannah Steingrebe: Unser Review hat gezeigt, dass noch viele Forschungslücken vorhanden sind. So ist zum Beispiel das normale Gehen sehr häufig untersucht worden, andere Alltagsbewegungen, wie etwa das Treppensteigen, jedoch nicht. Auch gibt es einen deutlichen Überhang an Studien mit Personen mit endgradiger Hüftarthrose. Dies liegt häufig daran, dass die Studien zur Erforschung des Effekts von künstlichem Gelenkersatz konzipiert sind und die Patienten kurz vor der Operation untersucht werden. Für die Zukunft wäre es gut, auch Patienten im frühen und mittleren Krankheitsstadium vermehrt in den Blick zu nehmen. Ein anderes Problem in der Forschung ist, dass Arthrose unterschiedlich diagnostiziert und im Schweregrad unterschiedlich klassifiziert wird. Hier wäre es wünschenswert, dass immer sowohl eine radiologische Einstufung als auch eine funktionelle Einstufung des Schweregrads auf Basis von standardisierten Fragebögen oder funktionellen Tests erfolgt.

Studien zu Coxarthrose/HOA

In einer Meta-Analyse hat Studienleiterin Hannah Steingrebe am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) 35 HOA-Studien systematisch ausgewertet, die die Gelenkkinematik bei Lokomotionsaufgaben bei Personen mit Hüftarthrose beschreiben und einen Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen ziehen. Bis dahin gab es kein umfassendes Review zur Gelenkkinematik der unteren Gliedmaßen von HOA-Patienten.

Steingrebe, H., Spancken, S., Sell, S. and Stein, T. (2023): Effects of hip osteoarthritis on lower body joint kinematics during locomotion tasks: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Sports and Active Living 5: 1197883. https:/doi.org/10.3389/fspor.2023.1197883

Ebenfalls am KIT hat Hannah Steingrebe eine Evaluationsstudie (Evidenzklasse Ib) der Hüftorthese CoxaTrain durchgeführt. In einem kontrollierten, randomisierten Design wurden die Effekte der Orthese bei Patienten mit Coxarthrose (Kellgren-Lawrence-Score 2-4) auf Gangbild, Gelenkfunktion und Schmerzempfinden untersucht.

Steingrebe, H., Stetter, B., Sell, S. and Stein, T. (2022): Effects of Hip Bracing on Gait Biomechanics, Pain and Function in Subjects With Mild to Moderate Hip Osteoarthritis. Frontiers in Bioengineering and Biotechnology_July 2022_Volume 10_Article 888775; https:/doi.org/10.3389/fbioe.2022.888775

Dabei konnte belegt werden, dass das Tragen der CoxaTrain Schmerzen in Bewegung und Ruhe reduziert sowie die zurücklegbare Wegstrecke erhöht. Ein Whitepaper mit ausgewählten Ergebnissen dieser Studie kann als PDF per E-Mail an medical.affairs@bauerfeind.com angefordert werden.

Bilder: Udo Schönewald, privat, AdobeStock.com/yanapopovaiv

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