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Experteninterview „Orthesen müssen den natürlichen Stabilisator, die Muskulatur, unterstützen“

Ausgabe 03/2015

PD Dr. med. Stefan Klima, Lehrbeauftragter am Universitätsklinikum Leipzig für die Fächer Orthopädie und Unfallchirurgie, über entscheidende Ziele der Rückenstabilisierung.

Gehört Wirbelsäulenchirurgie zu Ihren Arbeitsschwerpunkten?
Dr. Klima: Die konservative Behandlung von degenerativen Wirbelsäulenveränderungen einschließlich Injektionstechniken begleitet seit Jahren meine berufliche Tätigkeit. Die Indikation zur Operation von lumbalen Bandscheibenvorfällen stelle ich streng, hier rate ich meinen Patienten zum operativen Eingriff, wenn der Vorfall zu erheblichen motorischen Defiziten führt. Ansonsten sind es Stabilisierungen von Frakturen der Wirbelsäule, von denen ich bei entsprechender Konstellation überzeugt bin.

PD Dr. med. Stefan Klima.
PD Dr. med. Stefan Klima.

In welchen Fällen ist eine Behandlung mit Orthesen das Mittel der Wahl?
Dr. Klima: Zuerst sind die klassischen orthopädischen Rückenleiden zu nennen. Dazu zählen akute Ereignisse wie Bandscheibenvorfälle, Spinalkanaleinengungen, Wirbelgleiten, Arthrosen der kleinen Wirbelgelenke oder Hypermobilität. Die Art der Behandlung, Dauer und begleitende Maßnahmen müssen jeweils individuell angepasst werden. Das Ziel ist , mittels Orthese temporär eine Stabilisierung der Wirbelsäule und damit Schmerzminimierung zu erzielen. Parallel muss der natürliche Stabilisator, die Muskulatur, unterstützt bzw. wiederaufgebaut werden.
Nach Traumata, bei denen die Wirbelsäule nicht betroffen ist , wie Muskelzerrungen, Prellungen etc. kann eine temporäre Stabilisierung der Lendenwirbelsäule über ca. zehn Tage – sie nimmt der dorsalen Muskulatur die „Haltearbeit“ ab – Schmerzen deutlich reduzieren. Wenn sowohl der vordere als auch der hintere Pfeiler der Wirbelsäule verletzt ist , muss meist operiert werden. In diesen Fällen können Orthesen den Heilungsverlauf unterstützen und Schmerzen in den ersten Wochen nach der Operation minimieren. Einfache Frakturen der Lendenwirbelkörper zwei bis vier können auch konservativ behandelt werden, entsprechende Compliance bei bis zu zwölfwöchigem Tragen der Orthese vorausgesetzt.

Wovor können Orthesen schützen?
Dr. Klima: Generell gilt es, bei den schmerzhaften orthopädischen Leiden eine muskuläre Überreaktion, eine Hyperlordosierung, zu vermeiden. Dazu wird die Wirbelsäule entlordosiert , was zur Schmerzlinderung führt , ähnlich wie bei einer Stufenbett­lagerung. Bei einfachen Wirbelbrüchen kann eine permanente Hyperlordosierung nach erfolgter Reposition im Durchhang notwendig sein, um die vorderen Wirbelsäulenanteile zu entlasten. Bei osteoporotischen Frakturen verhindert eine lordosierende Orthese die weitere Kyphosierung.

Welche Bereiche müssen bevorzugt bei konservativer Behandlung stabilisiert werden, welche postoperativ?
Dr. Klima: Es gilt nach Verletzungen mit oder ohne Operation, den gesamten zu heilenden Bezirk möglichst großflächig zu stabilisieren und zu entlasten. Während des Heilungsprozesses sollte der Bereich schrittweise verkleinert , die Orthesen abgerüstet werden.
Übergänge der einzelnen Wirbelsäulenabschnitte mit Wechsel der natürlichen Lordose zur Kyphose stellen immer Regionen der biomechanisch besonders hohen Belastung dar. Frakturen im thorakolumbalen Übergang sind daher besonders häufig und bevorzugt zu operieren. Hier können Orthesen postoperativ sehr nützlich sein.
Die akuten orthopädischen Beschwerden treten meist im Übergang der unteren Lendenwirbelsäule zum Sakrum auf. An dieser Stelle spielen Orthesen eine bedeutende Rolle. Sie sind Bestandteil eines multimodalen Therapiekonzepts zu dem auch die Einbindung des Technikers gehört.

Bilder: Bauerfeind, privat