Messtechnologie

Digitalisieren der manuellen Gipstechnik

Messdaten werden zu Fertigungsdaten

Von Bauerfeind Life Magazin

Kurz & knapp Die Orthopädie Technik Bauche in Neustadt nutzt Bodytronic 610-Messdaten, um digital Orthesen und Korsette zu fertigen. Statt aufwendiger Gipsabdrücke reicht für das individuelle Modellieren ein Messvorgang.

  • Eine Fußheberorthese, deren Körpermodellmaße problemlos von Bodytronic auf eine CAD-Software weitergeleitet wurden, konnte auf einem gefrästen Schaummodell aufgebaut werden
  • Bodytronic Körperscans können für Korsette in der Skoliose-Therapie verwendet werden
  • Neben Messungen für Kompressionsstrümpfe und Bandagen werden bei OT Bauche rund ein Drittel aller Scans zur Fertigung von Orthesen und Korsetten durchgeführt

Digitale Prozesse haben in der orthopädietechnischen Versorgung längst Einzug gehalten. Und sie harmonieren bestens mit handwerklichem Können. Welche Wege die millimetergenauen Bodytronic-Messdaten einschlagen, um zu Orthesen nach Maß zu werden, demonstriert die Orthopädie Technik Bauche in Neustadt in Holstein.  

Es sind ungewöhnliche Bilder, die auf dem Monitor des Bodytronic 610-Systems aufleuchten: Ein blaues Objekt rotiert langsam um seine Achse, Maßlinien erscheinen, Ziffern und Markierungspunkte sind zu sehen. Wo sonst Messdaten, Artikelgrößen und Produktvorschläge aufgeführt werden, ist jetzt das bewegte Körpermodell eines Unterschenkels erkennbar. Der Bildschirm des Scanners zeigt nicht das normale Messprogramm an, sondern die Oberfläche einer Modellierungssoftware. Bodytronic einmal anders: Die Orthopädie Technik Bauche in Neustadt nutzt das Messsystem u.a. für die Fertigung individueller Versorgungen.

Minimalste Varianz der Daten ist Grundlage für Orthesenbau

„Natürlich haben wir Bodytronic auch im normalen Tagesgeschäft zur Maßabnahme für Bandagen und Kompressionsstrümpfe im Einsatz. Das System kann aber mehr.“ In der Stimme Max Bauches, Orthopädietechniker-Meister und Juniorchef des Unternehmens mit 24 Mitarbeitern an drei Standorten, liegt eine gewisse Begeisterung. Was auf keinen Fall eine Abwertung des Tagesgeschäfts bedeutet, ganz im Gegenteil. Schließlich sind die gewonnenen, exakten Daten die Grundlage für den Mehrwert, den die Bauches mit Bodytronic generieren: „Wir messen damit so präzise“, erklärt Vater, Seniorchef und Orthopädietechniker-Meister Matthias Bauche, „dass wir uns auch beim Bau von Orthesen und Korsetten voll auf die Maßhaltigkeit der Daten verlassen können.“

Experten der Orthopädie Technik Bauche prüfen ein Korsettmodell, das aus einem ­Bodytronic 610-Körper­modell abgeleitet wurde.

Hohe Ansprüche an den Techniker im digitalen Prozess

Vor zwei Jahren wurde für einen Hemiparese-Patienten eine erste, auf der Grundlage von Bodytronic-Messdaten gebaute Fußheberor­these gefertigt. Serienversorgungen führten bei dem Patienten zu keinen befriedigenden Ergebnissen. Vor dem Messvorgang wurden im Rahmen einer Anamnese die speziellen Anforderungen des Patienten an die Orthese ermittelt. In dieser Phase schon kam die Bedeutung einer gewissenhaften Planung des digitalen Versorgungskonzepts zum Tragen. Das strukturierte Vorgehen sollte im Vorfeld Fehlerquellen vermeiden. So kann ein Scanner, unabhängig vom Messprinzip, nur das Sichtbare erfassen. Das Auge des Orthopädietechnikers sieht mehr, es kann individuelle Erfordernisse „lesen“. Passen etwa Lot und Winkelstellung des Körpermodells zu den späteren Anforderungen bei der Konstruktion? Lässt sich eine Korrektur noch nach dem Import der Messdaten in der Modellierungssoftware durchführen? Müssen zusätzlich Markierungen angebracht werden? Erkenntnisse aus bisherigen Projekten haben gezeigt: Die Kombination von Erfahrung und Messtechnik kann schnell validierbare Ergebnisse erzielen. Wie im Falle des Hemiparese-Patienten. Nach entsprechender Vorbereitung erfolgte bei ihm der 3D-Scan des Unterschenkels. Die erhaltenen Daten wurden über eine STL-Schnittstelle an ein installiertes Modellierungsprogramm weitergegeben, das vom Fachhändler direkt auf dem Bodytronic-Rechner installiert wurde. Die Windows-Computer der Bodytronic-Systeme sind prinzipiell offen für branchenspezifische CAD-Programme. Mittels STL-Format dargestellte Objekte können in der Drittsoftware problemlos vergrößert, verkleinert, gedreht oder nachbereitet werden. So ist es möglich, im Zuge der digitalen Modellierung exakt auf die anatomischen Verhältnisse des Patienten einzugehen.

Auf Schaummodell basierend statt auf Gips 

Die Fußheberorthese nahm Form an, nicht nach konventionellem, aufwendigem Gipsabdruck, sondern nach Erstellung eines Positivmodells aus Schaum. Dazu wurden die Bodytronic-Daten an ein Partnerunternehmen, die verlängerte Werkbank von Orthopädie Technik Bauche, geschickt. Dieses stellte ein von einem Mehrachsroboter gefrästes Hartschaummodell des Unterschenkels her. Nun konnte sich Max Bauche Schicht für Schicht ans orthopädietechnische Handwerk machen: In Pre-Preg-Technik mit den Filamentmaterialien Aramid und Dyneema entstand eine auf dem Schaummodell aufbauende, spiralförmige Carbon-Orthese. Flexibel, federnd, frei von Kanten, je nach Belastung in unterschiedlicher Stärke, abgeflacht für ein gutes Abrollverhalten an der Fußspitze und in einer Einlage gebettet musste sie sein. Die Fußabdruckmessung des Trittschaums für die Einlage erfolgte ebenfalls mit dem ­Bodytronic-System. Zusammengefügt wurden diese STL-Daten mit denen der Orthese ebenfalls im CAD-Programm – zur Freude des Patienten. Sein typisches Stepper-Gangbild konnte sich deutlich abschwächen.

Bodytronic-Daten für Chêneau-Korsette

Durch die Nähe des Unternehmens Bauche zur direkt an der Ostsee gelegenen Schön Klinik Neustadt bildet die individuelle Orthe­tik einen Schwerpunkt seiner Tätigkeiten. Besonders die Skoliose-Therapie profitiert von Rumpforthesen und Chêneau-Korsetten, die oft in enger Zusammenarbeit mit Wirbelsäulenchirurgen hergestellt werden. Bodytronic kommt dabei ebenfalls zum Einsatz. „Das Messsystem ist auch für den Rumpf hervorragend geeignet“, sagt Matthias Bauche. Beim Bau eines Chêneau-Korsetts, benannt nach dem kürzlich verstorbenen Arzt und Erfinder, gilt es, Schnittlinien von Druckpelotten, Belastungs- und Entlastungszonen sowie Freiräumen zu berücksichtigen. Eine aufwendige Konstruktionsarbeit, im Ergebnis aber absolut sicher in der Passform – vorausgesetzt die Ausgangsdaten sind verlässlich. ­Bodytronic 610 kann nicht nur Kompressionsstrümpfe und Bandagen vermessen. Grundlage für digitale Bearbeitung sind auch hier die STL-Daten der Messung mit dem Körperscanner. Bei der Orthopädie Technik Bauche dienen mittlerweile rund ein Drittel aller Scans der Fertigung von Orthesen und Korsetten. Monsieur Chêneau hätte sich gefreut. 

Bilder: Stefan Volk

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