Für Ärzte und Partner im Gesundheitswesen Informationen für Patienten finden Sie hier.

Die Zukunft des Gesundheitssystems „Es kann nur ausgegeben werden, was auch eingenommen wird!“

Ausgabe 01/2014

Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt , betonte Prof. Fritz Beske vergangenen November auf dem 8. Bauerfeind-Branchenforum in Berlin. Doch wie lange können wir es uns in dieser Form noch leisten? Der Gesundheitsökonom aus Kiel erläutert in Bauerfeind life, wie sich die demografische Entwicklung auf unsere Gesundheits- und Sozialsysteme auswirkt.

Wir kennen die allgemeinen Formulierungen der Politiker: „Wir haben einen demografischen Wandel und wir werden damit fertig. Das ist eine Herausforderung und wir werden uns dieser Herausforderung stellen!“ Doch ich höre kaum konkrete Zahlen. Die Politik muss zunächst einmal die Situation anerkennen, die uns in Zukunft erwartet: Heute stehen einem Rentner oder Pensionär drei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüber. Ab 2050 beträgt diese Relation rund 1:1. Ein weiterer wichtiger Indikator ist die gestiegene Lebenserwartung. Im Jahr 1900 hatte ein Neugeborener die Aussicht , 42 Jahre alt zu werden. 2060 werden es rund 90 Jahre sein. Heute haben wir zum Beispiel 2,25 Millionen Pflegebedürftige – 2050 voraussichtlich doppelt so viele. Die Kosten dieser Entwicklung sind gewaltig. Dies führt zu der Frage nach der Finanzierung der Renten. 1960 bezog jemand, der in Rente ging, im Durchschnitt zehn Jahre Rente. 2050 werden es 25 Jahre sein.

„Die Politik ist eindeutig nicht ehrlich zu den Menschen.“

Prof. Fritz Beske
Prof. Fritz Beske

Diese Zahlen sind eine Erklärung dafür, warum sich die Politiker davor hüten, der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen. Wenn wir rein statistisch hochrechnen, was die gesetzliche Krankenversicherung 2050 an Finanzen benötigt , müsste der Beitragssatz 2060 statt bei derzeit 15,5 Prozent bei 50 Prozent liegen, um die heutigen Leistungen bezahlen zu können.
Ich werde oft gefragt , wie ich mir die künftige Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung vorstelle. Dann sage ich, genauso wie in meinem eigenen Haushalt und wie grundgesetzlich für den Bundeshaushalt festgelegt: einnahmeorientiert. Die gesetzliche Krankenversicherung, die heute in ihrer Finanzierung vom Bedarf her bestimmt wird, kommt zu dem Punkt , wo nur noch das geleistet werden kann, was auch bezahlbar ist. Dies bedeutet eine Einschränkung des Leistungskatalogs und vor allen Dingen auch Varianten wie die Zuzahlung. Wobei die Zuzahlung oft die bessere Lösung ist , als eine Leistung komplett aus dem Katalog herauszunehmen!

 

 

Festzuschuss als Chance

Der Festbetrag erfordert einen hohen bürokratischen Aufwand. Er stellt eine Mindestversorgung sicher. Der Festzuschuss liegt in seiner Höhe etwas unter dem Festbetrag. Er bietet dem Versicherten jedoch die Möglichkeit , sich bei der Umstellung vom Sachleistungs- auf das Kostenerstattungsprinzip das Hilfsmittel auszuwählen, das er möchte. Er kann selbst entscheiden, was ihm ein Hilfsmittel wert ist , indem er über den Festzuschuss hinaus einen eigenen zusätzlichen Beitrag leistet. Dieses Prinzip regt die Hersteller an, innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Und auch die Krankenkassen sparen Geld durch einen reduzierten Verwaltungsaufwand und dadurch, dass der Festzuschuss eher etwas unter dem Festbetrag liegt.
Von daher wünsche ich mir, dass man in der kommenden Diskussion über die Einschränkung des Leistungskatalogs bei der Hilfsmittelversorgung mehr und mehr den Weg geht , den Festbetrag durch einen Festzuschuss mit Wahlfreiheit für den Versicherten und Innovationsmöglichkeiten für den Hersteller abzulösen. Dann lohnt es sich, innovativ zu sein.
Ich könnte mir vorstellen, dass der Festzuschuss dazu beiträgt , eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung sicherzustellen, die auch bezahlt werden kann. Schließlich läuft das beim Zahnersatz erstaunlicherweise bereits relativ diskussionslos. Dies unterstreicht , dass die Bevölkerung sehr wohl anerkennt , dass wir in Zukunft mehr für das Gesundheitswesen ausgeben müssen.

8. Bauerfeind-Branchenforum in Berlin. Über die Zukunft des Gesundheitssystems diskutierten mit Moderator Henning Quanz (3. v. r.): BIV-Präsident Klaus-Jürgen Lotz, ZVOS-Präsident Werner Dierolf, CDU-Mitglied und MdB Volkmar Vogel , Gesundheitsexperte Prof. Fritz Beske (auch groß auf der Leinwand) und GWQ-Vorstand Dr. Johannes Thormählen (v. l. ).
8. Bauerfeind-Branchenforum in Berlin. Über die Zukunft des Gesundheitssystems diskutierten mit Moderator Henning Quanz (3. v. r.): BIV-Präsident Klaus-Jürgen Lotz, ZVOS-Präsident Werner Dierolf, CDU-Mitglied und MdB Volkmar Vogel , Gesundheitsexperte Prof. Fritz Beske (auch groß auf der Leinwand) und GWQ-Vorstand Dr. Johannes Thormählen (v. l. ).

Und die Große Koalition?

Das für die Gesundheitsversorgung und die Versorgung Pflegebedürftiger überragende und alles überschattende Problem, der demografische Wandel , ist kein Thema der Großen Koalition und wird im Koalitionsvertrag nicht einmal randständig behandelt. Die Überschrift des Koalitionsvertrags zwischen CDU, CSU und SPD lautet „Deutschlands Zukunft gestalten“. Die Zukunft endet mit der Koalition 2017.

Was wird, was sollte die Zukunft bringen?

Die künftige Gesundheitsversorgung ist regional ausgerichtet , kooperativ und berufs- und sektorenübergreifend. Bestimmend ist eine hohe Versorgungsqualität. Dies bedeutet für die ambulante medizinische Versorgung wie für die Krankenhausversorgung keine unbedingt wohnortnahe, dafür aber gesicherte Lösung. Es gilt ambulant vor stationär in allen Leistungsbereichen. Der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung ändert sich von bedarfsbestimmt zu einnahmeorientiert. Dies bedeutet eine Anpassung an begrenzte finanzielle Mittel. Freiberuflichkeit und Selbstverwaltung bleiben tragende Elemente unseres Gesundheitssystems. Merkmale der sozialen Marktwirtschaft werden auch die Gesundheitsversorgung bestimmen. Das duale Gesundheitssystem mit gesetzlicher und privater Krankenversicherung bleibt bestehen. Die schwierigste Aufgabe liegt in der Versorgung Pflegebedürftiger.


Bilder: Jan Knoff


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Der Innungsverbandschef „Wir sollten gemeinsam von diesem Wust wegkommen“

Klaus-Jürgen Lotz nahm aus Sicht der Innungen Stellung zur Frage, wie in Zukunft die Verträge zwischen gesetzlichen Krankenkassen und …

Der Krankenkassenchef „Mehr Gestaltungsspielraum vor Ort“

Wilfried Jacobs ist Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland-Hamburg. Er erläuterte, in welche Richtung sich aus GKV-Sicht die Verträge im …