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Design bei Medizinprodukten Konzentration auf das Wesentliche

Ausgabe 01/2020

Dipl.-Designer Hermann Rokitta, Spezialist für Produkt- und Markenästhetik, gestaltet die Produkte der Bauerfeind AG – auch die neueste Train-Generation. Design ist für ihn die Sprache, die sowohl zwischen der Funktionalität eines Produkts, den Intentionen des Herstellers als auch den Ansprüchen der Anwender vermittelt. „Express the essence“ lautet dabei das Credo des Designers.

Bauerfeind life: Herr Rokitta, seit wann sind Sie für die Bauerfeind AG tätig?

Hermann Rokitta: Begonnen hat alles 1997, mit dem Design der Knieorthese SofTec Genu. Die Gestaltung wurde mit dem Bundesdesignpreis ausgezeichnet und in der Dauerausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe präsentiert. Im Anschluss daran übernahmen wir die Gestaltung der Schlüsselprodukte Bauerfeinds – unter anderem der GenuTrain – und der produktübergreifenden Farbstrategie, die alle Produkte der Marke beinhaltet.

Was muss gutes Produktdesign leisten?

Hermann Rokitta: Wir betrachten Design als Sprache, als interaktive Sinneserfahrung, die die Produkte und Leistungen eines Unternehmens mit dessen Werten und Zielen verbindet und sie mit den Ansprüchen der Nutzer in Einklang bringt. So geben beim Produktdesign von Bauerfeind die verwendeten Symbole dem Mediziner oder Therapeuten rational Informationen zur Anwendung an die Hand. Gleichzeitig vermitteln sie den Patienten emotional den Wert und die Wirksamkeit des Produkts, erzeugen Vertrauen und motivieren, gesund zu werden.
Kurz: Design lädt eine Marke auf, verortet sie im Zeitgeist und vereint Vorstellung und Bewusstsein von Menschen und Produkten, von Marke und Leistung sowie von Markt und Unternehmen.

Auch das Design der achten GenuTrain-Generation stammt aus Ihrer Feder. Auf was kam es Ihnen dabei vorrangig an?

Hermann Rokitta: Simpel, sinnvoll, selbstverständlich – die neue Train-Generation konzentriert sich konsequent auf medizinische Funktion und Wirkung. Dabei generiert sich das Wesen des Produkts – basierend auf dem Know-how Bauerfeinds – aus den besonderen Merkmalen und Technologien des Gestricks, dessen Elastizität, Atmungsaktivität, Flexibilität, Leichtigkeit und seinem Zusammenspiel mit Komponenten wie der Pelotte, den seitlichen Stäben oder der An- und Ausziehhilfe.Die Prämisse der neuesten GenuTrain-Generation lautet: Reduce to the Max. Um im Markt bestehen zu können, muss GenuTrain ihre Kernkompetenzen deutlich machen. Das Produkt verbindet Gestaltung mit Performance hin zu einem souveränen Sinneserlebnis von Bauerfeind-Medical-Produkten.

Was ist die besondere Herausforderung beim Design für Medizinprodukte?

Hermann Rokitta: Allgemein ist der Anspruch, ein hochfunktionales und dabei äußerlich einfach scheinendes Produkt zu kreieren, das der Patient emotional mit Bewegung, Gesundheit oder Heilung verbindet – keinesfalls mit Krankheit oder Leidensprozess. Gleichzeitig soll der Mediziner über eindeutige Visualisierung rational und ohne viel Erklärung Indikation, Wirkzonen, Positionierung und Wirksamkeit erkennen können. Es muss ein kohärentes Design entstehen, das dies in seinen Eigenschaften verkörpert und in seinem Ganzen überzeugt. Bezogen auf die aktuelle GenuTrain galt es daher, durch das neue leichte, atmungsaktive Hoch-Tief-Gestrick sowie die anatomisch gerechte Formgebung den Tragekomfort ebenso sicherzustellen, wie die Propriozeption, das kontrollierende Gefühl während der Bewegungsabläufe, zu unterstützen. Dafür mussten alle Funktionselemente, wie etwa die Pelotte, das Omega+ Pad mit Massagenoppen, die seitlichen Kunststoffstäbe oder die weiche Komfortzone im Kniegelenk, optimal in die Bandage integriert werden. Ganz im Sinne des Bauhausdirektors Mies Van der Rohe und seinem Leitsatz „Weniger ist mehr“, entstand so eine qualitativ hochwertige Bandage, die sich auf das Wesentliche konzentriert: Sie verbindet vielseitig überzeugende medizinische Wirksamkeit und Therapie mit dem Wunsch, Bewegung wohltuend und genesend zu unterstützen.

Ist es kompliziert, die Designideen stricktechnisch umzusetzen? Mussten Sie da auch mal Kompromisse machen?

Hermann Rokitta: Wir denken bereits beim Entwurf in Rapports und Gestrick-Kompositionen. Diese werden dann im Rechner simuliert und auf die Gestaltung des Produkts übertragen. Die Entwickler überraschen uns häufig sehr positiv mit exzellenten Ergebnissen. Werden jedoch die Kompressionseigenschaften den absolut geforderten Ansprüchen noch nicht gerecht, kreieren wir den Rapport neu und passen die Gestaltungslandschaft an – so lange bis die Akzentuierung und Kontrastierung des Gestricks in Wahrnehmung und Assoziation seiner Wirkung entsprechen. Dabei kommt es auf die Feinabstimmung an, denn schon kleine Veränderungen können sich auf das Trageverhalten in sensiblen Gelenkzonen auswirken.

Seit dem Jahr 2000 trägt die GenuTrain die Handschrift von Dipl.-Designer Hermann Rokitta.

Was sind aktuelle Designtrends?

Hermann Rokitta: In unseren sich industriell ständig relativierenden virtuellen Welten zeichnet sich eine Gegenbewegung ab. Ich sehe einen Trend zum Manufacturing durch kleine, authentische Erzeuger, die fest an ihre Produkte glauben, die Materialien und Energien nachhaltig und schonend einsetzen.

Welche Designtrends haben das letzte Jahrhundert besonders geprägt?

Hermann Rokitta: Die Moderne und das Bauhaus befreiten uns von den vorherrschenden Glaubensdoktrinen und eröffneten den freien Zugang und das unmittelbare Erlebnis von Kunst und Design. Wichtige Künstler und Designer waren hier Gropius, Mies Van der Rohe oder Kandinsky. Für Letzteren kam es nicht darauf an, was wir wahrnehmen, sondern was wir dabei empfinden.
„Anything goes“ lehrten uns Postmoderne, Fluxus oder Neues Deutsches Design. Gruppen wie Memphis, Pentagon oder Stiletto stellten sich der Vernunftorientierung der Moderne entgegen. Auch den Punk, die Westwood-Studios, dürfen wir nicht vergessen, der eine ungeheure Wirkung auf Kunst, Mode und soziokulturelle Entwicklung hatte. Letztlich bleibt festzuhalten, dass wir uns künstlerisch und kulturell der Herrschaft des Glaubens entledigt haben, jedoch nichts deren planerische Verantwortung übernommen hat.

Was sind Designtrends, denen Sie keine Träne nachweinen?

Hermann Rokitta: Klischees, Kopien und Me-toos der Gestaltung, die in ihrer Wiederholung, ihrer Anmutung und ihrer Darstellung einen Überfluss zelebrieren. Immer größer, schneller und weiter, aber vorbei an unseren Realitäten und eigentlichen Bedürfnissen. So sollten wir etwa in Automobilbau und Mobilität endlich anfangen, unsere Kreationen planetarisch verantwortlich zu betrachten. Gute Gestaltung ist dabei stets eine sinnvolle Interpretation von Wirkung und Wirklichkeit. Sie vermittelt und eröffnet unmittelbares Erlebnis und Bewusstsein.

Was würden Sie gerne einmal designen?

Hermann Rokitta: Es gibt von allem zu viel und von vielem zu wenig. Insofern empfinde ich es als Genuss, nicht nur die Oberfläche und den Überfluss bedienen zu müssen, sondern nachhaltige und sinnvolle Produkte für den Erhalt der Gesundheit und des Lebens gestalten zu dürfen.

Bilder: Stefan Durstewitz, Bauerfeind


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