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Der Krankenkassenchef „Mehr Gestaltungsspielraum vor Ort“

Ausgabe 01/2011

Wilfried Jacobs ist Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland-Hamburg. Er erläuterte, in welche Richtung sich aus GKV-Sicht die Verträge im Hilfsmittelbereich bewegen sollten. Der Chef der sechstgrößten gesetzlichen Krankenkasse sprach auf dem 5. Bauerfeind Branchenforum, das am 2. und 3. November 2010 in München stattfand.

„Ziel der Verträge zwischen gesetzlichen Krankenkassen und Leistungserbringern im Hilfsmittelbereich sollte immer eine wirksame und wirtschaftliche Versorgung der Patienten mit Hilfsmitteln unter Berücksichtigung der geltenden Hilfsmittel-Richt­linien sein. Da auch zukünftig im Gesundheitswesen schon alleine aus Gründen der demografischen Entwicklung die Kosten nicht sinken, sondern steigen werden, lohnt es, zunächst einen genaueren Blick auf die Art der Kosten zu werfen. Dabei lässt sich zwischen guten und schlechten Kosten unterscheiden.
Wenn die Menschen nicht zuletzt aufgrund medizinischer Fortschritte älter werden, wird insgesamt gesehen ihre medizinische Versorgung teurer. 70 Prozent aller Ausgaben der Krankenkassen entstehen in den letzten sechs Lebensjahren. Wir alle wollen länger leben, also muss man für diese Entwicklung die Kosten aufbringen – es sind gute Kosten. Ein zweiter Block von guten Kosten entsteht durch Innovationen, die echte Innovationen sind. Schlechte Kosten sind demgegenüber solche Kosten, die durch die Bezahlung nicht gesicherter Innovationen entstehen. Weitere schlechte Kosten werden durch jene Ablaufstrukturen des Medizin­betriebs, die nicht vernünftig funktionieren, produziert. Das Problem liegt in der immer größeren Menge von Leistungen, die für den Patienten ohne Nutzen sind. Dies gilt besonders für die Arzneimittel. Wir müssen hier zu einer Kosten-Nutzen-Betrachtung kommen. Wenn die Qualität einer mit hohen Kosten verbundenen Versorgung nachge­wiesenermaßen gut ist, so ist dies eine gute Investition.

Kosten in den Griff bekommen

Um bei der medizinischen Versorgung die Kosten in den Griff zu bekommen und trotzdem qualitativ gut zu sein, benötigen wir die Hilfsmittelverträge. Schon alleine aus Gründen der rechtlichen Absicherung bedarf es dabei eines gewissen Ausmaßes an Bürokratie, wenn wir auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir einiges überflüssigerweise bürokratisieren. Es wäre sinnvoll , in Vertragsverhandlungen vor Ort größere Freiheiten zu haben, als dies die zurzeit gültigen bundesweiten Regelungen vorsehen. Momentan wird sehr viel auf Bundesebene gestaltet, so dass die direkt vor Ort zuständigen Krankenkassen in ihrer Zusammenarbeit mit Patient und Lieferant immer stärker durch Vorgaben eingegrenzt werden. Ein vor Ort zwischen Krankenkasse und den Orthopädiemechanikern oder generell mit dem Fachhandel abgeschlossener Indivi­dualvertrag wäre für meine Begriffe eine solide Stütze für die Freiberuflichkeit, den Mittelstand und das Handwerk. Je größer der Gestaltungsspielraum in der Vertragspolitik auf der lokalen Ebene ist, desto besser ist dies auch für den Patienten.“

Bilder: Bauerfeind