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Der Grundlagenforscher „Ohne Propriozeption keine Sensomotorik“

Ausgabe 03/2010

Prof. Dr. med. Jens Ellrich ist Chief Medical Officer der cerbomed GmbH in Erlangen. Der Physiologe ist zudem Wissenschaftler am Zentrum für Sensory-Motor Interaction der Universität Aalborg.

„Unsere Informationen über Propriozeption sind oberflächlich lückenhaft. Wenn man nämlich Propriozeption als Tiefensensibilität bezeichnet, muss man sagen, dass die Oberflächensensibilität um ein Vielfaches besser untersucht ist. Das liegt natürlich an der experimentell guten Zugänglichkeit der Haut oder unmittelbar darunterliegender Schichten. Trotzdem können keine Zweifel bestehen an der Existenz von propriozeptiven Rezeptoren und Nervenfasern in der Tiefe. Sie geben dem Körper Auskunft über Muskelspannung, Druckverteilung im Gelenk und die Lage im Raum. Aus der Grundlagenforschung wissen wir, dass Motorik immer über Sensorik geregelt ist. Und ohne Propriozeption, ohne Eigenwahrnehmung also, gibt es auch keine Sensomotorik. Ausgleichsbewegungen wären demnach nicht möglich.

Erarbeitung eines kontrollierten Studiendesigns

Prof. Dr. med. Jens Ellrich ist Chief Medical Officer der cerbomed GmbH in Erlangen und Wisenschaftler am Zentrum für Sensory-Motor Interaction der Universität Aalborg.
Prof. Dr. med. Jens Ellrich ist Chief Medical Officer der cerbomed GmbH in Erlangen und Wisenschaftler am Zentrum für Sensory-Motor Interaction der Universität Aalborg.

Um die Theorie gewissermaßen vom Kopf auf die Füße zu stellen, hat Bauerfeind für die Entwicklung der neuen MalleoLoc eine interdisziplinäre Gruppe von Klinikern, Ingenieurwissenschaftlern und Grundlagenforschern an einen Tisch gebracht. Ein kontrolliert klinisches Versuchsdesign sollte uns Auskunft geben: Kann die Sprunggelenkorthese das propriozeptive Muster ändern? Kann sie durch Beeinflussung des sensomotorischen Netzwerks die Auslösung des Hoffmann-Reflexes auf den Fußheber stärken? Kann diese Aktivierung durch Auslösung des Hoffmann-Reflexes objektiviert werden?
Tatsächlich: Unser Modell zeigte, dass die auf Kompensation und Regeneration ausgelegte MalleoLoc die Muskulatur aktiviert, und zwar hochsignifikant. Entscheidend war die Form der plantaren Zunge. Wenn sie eine bestimmte Hautpartie reizt, kommt es zur Muskelkontraktion. Die Zunge triggert ganz bestimmte motorische Muster. Der Patient kann nach traumatisch bedingten Nervenschädigungen wieder in den sensomotorischen Regelkreis hineinkommen. Verknüpfungen werden angeregt, die defekten Strukturen können sich über Rückkopplungen und den darüber angeregten Muskelaufbau möglicherweise regenerieren.
Unsere Ergebnisse haben auch gezeigt, wie wichtig humanphysiologische Modelle in der Propriozeptionsforschung sind. Unsere Grundlage war die lebende Anatomie. Vorbildhaft war auch das Zusammenspiel zwischen Industrie und Forschung: Nur wenn die Versuche praxisrelevant sind und belastbare Ergebnisse bringen, können sie unsere Erkenntnisse über die Eigenwahrnehmung vertiefen. Meiner Meinung nach kommt man dabei zu häufig von der motorischen und zu selten von der sensorischen Seite. Eine entscheidende Frage ist die Verteilungsdichte von Druckrezeptoren in der Gelenkfläche. Von dort werden wichtige Informationen über Akutbelastungen an die kompensierende Motorik weitergeleitet. Eines ist klar: An der Oberfläche allein werden wir diese Antwort nicht finden.“

 

Bilder: Conny Kurz, Fotolia.com/only4denn