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Das Prinzip Spiraldynamik „Das Fahrgestell muss passen“

Ausgabe 02/2012

Dr. med. Norman Best ist Leiter des Ambulanten Therapie- und Rehazentrums am Institut für Physiotherapie des Universitätsklinikums Jena. life sprach mit ihm über den Aufbau der Stabilität im Körper ausgehend von den Füßen und wie man einem Funktionsverlust effektiv entgegenwirkt.

Was verstehen Sie unter Spiraldynamik und kann man dieses Prinzip mit Torsion gleichsetzen?
Dr. Best: Spiraldynamik ist in den vergangenen Jahren zum Modebegriff geworden, spiegelt aber ganz gut die klassische Phy­siologie der Bewegung wider. Torsion ist in der Medizin als Verdrehung definiert , die Spiraldynamik geht quasi noch einen Schritt weiter, sie findet im dreidimensionalen Raum in sechs Ebenen statt. Es gibt feste Pole und eine dazwischen befindliche Koordinationseinheit. Bestandteil der Spiralbewegung sind der C-Bogen, der S-Bogen und die Rotation. Auf den Fuß bezogen entsteht der klassische C-Bogen beispielsweise als Quergewölbe im Mittelfuß durch das spiegelsymmetrische Nachaußendrehen von Mittelfußknochen I und V. Ein S-Bogen formt sich etwa, wenn der Calcaneus, das Fersenbein, in Adduktion und der Vorfuß in Abduktion ist. Was mich ein bisschen stört bei diesem Modell: Wir betrachten immer nur Knochen, Muskeln und Gelenke – vergessen werden meist das Bindegewebe und die Fascien. Doch erst , wenn alle Elemente ineinandergreifen, erreichen wir Stabilität.

Er hat stets den gesamten Körper im Blick: Dr. med. Norman Best , Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin.
Er hat stets den gesamten Körper im Blick: Dr. med. Norman Best , Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin.

Was verursacht den Funktionsverlust in den Füßen?
Dr. Best: Kein Gelenk ist stabil , wenn es nicht flexibel ist. Das ist bei jeder Brücke so und im Körper erst recht. Wenn Sie überlegen, wie der Mensch gebaut ist , um stehen zu können, würden Sie vermutlich erst einmal von planen Flächen ausgehen, die aufeinander ruhen. Doch auf allen Gelenken, die zum Stand benutzt werden, zum Beispiel oberes Sprunggelenk oder Hüftgelenk, gibt es runde Oberflächen. Denn auch Stehen ist ein „­dynamischer“ Prozess. Unser Fuß benötigt sowohl ein gewisses Maß an Flexibilität als auch an Stabilität. Sind unsere Kompensationsmechanismen beeinträchtigt , wird das System instabil. Unsere modernen Umweltbedingungen, die harten Böden, schlechtes Schuhwerk sowie unphysiologische Bewegungsabläufe haben zur Folge, dass der Fuß in seiner Funktionalität dekompensiert.

Können Sie ein Beispiel geben?
Dr. Best: Wenn etwa im C-Bogen die Grundspannung nicht da ist und sich das Quergewölbe absenkt , kommt es zu einem Spreizfuß. Die Belastung liegt dann auf den mittleren Mittelfußköpfchen, die dieser nicht gewachsen sind. Oft bilden sich zusätzlich Zehendeformitäten aus. Oder nehmen Sie einen Knickfuß. Da ist der Winkel zwischen Achillessehne, Calcaneus und der Auftrittsfläche nicht optimal. Dann bekommen Sie unter Umständen Achillessehnenreizungen. Wenn Sie nun noch eine leichte Valgus-Stellung am Knie haben, dann entstehen ständig ein höherer Zug am Innenband und ein Druck am Außenmeniskus.

Mit Einlagen können Sie vielfach Defizite abfangen, die sich durch physiologische Therapien allein nicht beheben lassen.“ (Dr. med. Norman Best)

Über einige Jahre mag das keine Probleme machen, aber wenn langfristig eine Belastungsspitze auf der einen Seite und eine Belastungshemmung auf der anderen Seite entsteht , kommt es durch die unphysiologische Kraftverteilung auf den Knorpel zum Verschleiß. Das kann sich auch nach oben fortsetzen. Wer bei Hüft- oder Knieproblemen nur nach oben schaut , hat zu kurz gedacht. Wir sollten zuerst auf die Füße sehen. Das „Fahrgestell“ muss passen. Danach können wir die Kette nach oben optimieren.

Was ist , wenn die Spiralkonstruktion im Fuß nicht mehr optimal funktioniert?
Dr. Best: Dann kommt es, wie gesagt , zu unphysiologischer Belastung und häufig zu Funktionsstörungen. Man sollte reagieren, bevor sich eine Strukturstörung ausgebildet hat. Primär gilt es, die Aktivität des Fußes zu erhöhen, beispielsweise mit der „Proprio­zeptiven Sensomotorischen Fazilitation“ oder einer anderen physiologischen Trainingstherapie. Damit trainieren Sie nicht nur den Fuß, sondern die gesamte Kette. Wir versuchen auch, Blockierungen zu lösen, damit der Fuß wieder arbeiten und sich aufrichten kann. Mitunter erledigt sich das Problem sogar von allein. Der Fuß ist eine wichtige Eingangszone für Sensomotorikreize. Oft ist eine Therapie dort der Anstoß zu einer Selbstkorrektur des übrigen Bewegungssystems.

Wann erachten Sie Einlagen als sinnvoll?
Dr. Best: Mit Einlagen können Sie vielfach Defizite abfangen, die sich durch physiologische Therapien allein nicht beheben lassen. Und wenn sich etwa aus einer Fehlstellung oder Überlastung ein größerer Schaden entwickeln könnte, sollte man ebenfalls frühzeitig reagieren. Wenn ich etwa eine Reizung an der Endsehne des M. tibialis posterior nicht reguliert bekomme, kann ich mit einer Einlage den Fuß so abfangen, dass die Sehne entlastet wird. Bei vielen Fußproblemen ist es sinnvoll , mit einer Einlage das Längsgewölbe wieder so aufzurichten, dass der Fuß schmerzfreier mobil wird. Sie sollten allerdings auch nicht überregulieren und die natürliche Torsion möglichst wenig beeinflussen. Schuhe und Einlagen müssen daher gut aufeinander abgestimmt sein.

Bilder: Karl-Ludwig Oberthür, Bauerfeind