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Compliance bei Kompressionsstrümpfen Lebensversicherung für die Beine

Ausgabe 01/2014

Trotz der nachgewiesen hohen Wirksamkeit von Kompressionsstrümpfen bei phlebologischen und lymphologischen Erkrankungen müssen Patienten immer wieder aufs Neue für das regelmäßige Tragen motiviert werden. Bauerfeind life sprach mit Priv.-Doz. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke, die seit April 2013 die Ambulanz für Venen und Haut der Artemed-Fachklinik in Bad Oeynhausen leitet.

Priv.-Doz. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke war als Oberärztin am Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum tätig, bevor sie im April 2013 als Chefärztin nach Bad Oeynhausen wechselte.
Priv.-Doz. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke war als Oberärztin am Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum tätig, bevor sie im April 2013 als Chefärztin nach Bad Oeynhausen wechselte.

Was sind Ihre Erfahrungen in Bezug auf die Compliance in der Kompressionstherapie?
Dr. Reich-Schupke: Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum einen ist entscheidend, wie gut Patienten über die Funktionalität von Kompressionsstrümpfen aufgeklärt sind. Zum anderen, wie hoch ihr Leidensdruck ist. Bei einer lebensgefährdenden Thrombose ist die Akzeptanz hoch. Das Gleiche gilt für das kurzfristige Tragen bei akuten Venenentzündungen, postoperativ oder in besonderen Situationen, etwa auf Reisen oder bei langem Stehen und Sitzen bei der Arbeit. Wenn Strümpfe aber bei leichteren Venenerkrankungen zur Prophylaxe getragen werden sollen – etwa um ausgeprägte Varizen oder Venenentzündungen zu verhindern oder einer Thrombose vorzubeugen –, dann ist es oft eine Herausforderung, die Betroffenen zu motivieren. Auch Alter und Geschlecht spielen eine Rolle: Frauen, insbesondere ältere, sind eher bereit , Kompressionsstrümpfe vorbeugend zu tragen.

Wie argumentieren Sie für dieseTherapieform?
Dr. Reich-Schupke: Aufklärung ist der Schlüssel. Viele denken nach wie vor, dass Krampfadern ein rein optisches Problem sind. Das Fatale an Venenerkrankungen ist – ähnlich wie beim Diabetes –, dass die Patienten erst dann Schmerzen bekommen, wenn die Erkrankung schon fortgeschritten ist. Im ersten Gespräch sollte deshalb immer sehr deutlich werden, wofür der Patient Kompressionsstrümpfe braucht. Ein Ergebnis der Bonner Venenstudie II von Prof. Eberhard Rabe ist , dass es im Verlauf des Lebens einen deutlichen Progress gibt: Die Teilnehmer der ersten Studie von 2003 wurden ca. sieben Jahre später erneut untersucht und es fiel auf, dass sich die Venenerkrankungen von Betroffenen ohne Kompressionsstrumpfversorgung verschlimmert hatten. Solche Ergebnisse liefern gute Argumente. Bei Patienten, deren Beine durch Ulzerationen oder rezidivierende Infekte (z. B. Erysipele) stark gefährdet sind, muss man auch schon mal drastischer werden. Dann bezeichne ich die Strümpfe schlicht und einfach als „Lebensversicherung für das Bein“. Dass ich selbst prophylaktisch Strümpfe trage, nutze ich ebenfalls als Überzeugungshilfe.

Wie unterstützen die Produkteigenschaften die Compliance?
Dr. Reich-Schupke: Durch moderne Materialien sind die Strümpfe weicher geworden, leichter anzuziehen und auch angenehmer zu tragen. Mental spielt die Designvielfalt der Strümpfe für die Akzeptanz eine große Rolle. Je weniger sie als medizinisches Hilfsmittel wahrgenommen werden, desto besser. Modefarben und eine große Farbpalette haben einen erheblichen psychologischen Effekt. Die Auswahl wird geschätzt , auch wenn die meisten Patienten sich für ein klassisches Schwarz oder einen Beige-Ton entscheiden.

Was trägt noch zur Therapietreue bei?
Dr. Reich-Schupke: Wir betonen immer wieder, dass die Strümpfe selbst nur sehr selten Allergien hervorrufen. Unter Umständen kann es zu Hauttrockenheit oder -rötungen kommen, gegen die sich eine stark rückfettende Pflege mit Harnstoff (Urea) oder Glycerin anbietet. Entscheidend ist außerdem, dass die Strümpfe optimal angepasst sind und das Material zum Bein und zur Haut passt. Hier ist das Bauerfeind-Verordnungsposter ein guter Leitfaden, denn vielen verordnenden Ärzten sind die Kompressionsklassen zwar oft bekannt , aber nicht , dass Strümpfe gleicher Klasse durch Material- und Strickunterschiede ganz unterschiedliche Eigenschaften haben können.

Compliance bei Kompressionsstrümpfen
Compliance bei Kompressionsstrümpfen

Was macht einen guten Kompressionsstrumpf aus?
Dr. Reich-Schupke: Bei einem optimalen Strumpf passen Druck, Material und Stiffness zu den Anforderungen des Patienten. Man sollte den Strumpf leicht anziehen können, er sollte nicht rutschen oder einschneiden. Außerdem sollte er die Haut wenig irritieren und sich angenehm tragen lassen – also ohne zu schwitzen. Viele moderne Mikrofasergewebe bieten diesen Tragekomfort und haben außerdem den Vorteil , dass sie kaum von normalen, blickdichten Strümpfen zu unterscheiden sind.

Was würde eine bessere Versorgung außerdem stärken?
Dr. Reich-Schupke: Die Deutsche Gesellschaft für Phlebologie (DGP) versucht , Ärzte über Fortbildungen in diesem Bereich zu sensibilisieren. Es wäre wünschenswert , dass Hausärzte, Gynäkologen und Physiotherapeuten betroffene Patienten früh zum Facharzt schicken. Unerlässlich ist , dass die Versorgung beim Fachhändler seriös angemessen wird, denn Studien zeigen, dass bei rund einem Drittel der Patienten die Strümpfe nicht den individuellen Anforderungen entsprechen. Ihr Sitz sollte im Fachhandel oder beim Arzt regelmäßig kontrolliert werden.

Sie haben an der Ruhr-Universität Bochum einen Lehrauftrag. Was geben Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg?
Dr. Reich-Schupke: Die Phlebologie hat als Zwitter zwischen Dermatologie und Gefäßchirurgie an vielen Universitäten einen sehr schwierigen Status. Das ist in Bochum angesichts des klinisch und forschungstechnisch aktiven Venenzentrums anders.Wir sensibilisieren hier für das große Spektrum in der Kompressionsversorgung, und mir ist wichtig, dass meine Studenten den Unterschied zwischen Flach- und Rundstrick einmal gesehen und gefühlt haben. Als angehende Mediziner sollten sie wissen, dass sich für jeden Patienten – auch mit fortgeschrittenen Leiden und Beindeformationen – ein passender Kompressionsstrumpf finden lässt.

Bilder: Tristan Vankann