Für Ärzte und Partner im Gesundheitswesen Informationen für Patienten finden Sie hier.

Bewegungstherapie mit Hüftorthese Kombination von Wirkprinzipien

Ausgabe 02/2021

Coxarthrose ist nach der Gonarthrose die am häufigsten auftretende Form der Gelenkerkrankung. Und ein weites Feld der konservativen Therapie – sollte man meinen. Jetzt traut sich erstmals eine multidirektionale Orthese auf hügeliges Gelände.

Eine ausgewogene Belastungssteuerung ist für Prof. Dr. Stefan Sell bei Coxarthrose der Schlüssel zum Gelenkerhalt. Dabei unterstützt die neue Coxa Train auf multidirektionale Weise.

Es bestand Handlungsbedarf: Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems stehen auf einem Spitzenplatz. Experten mahnen, dass die Fallzahlen für Knochen- und Gelenkkrankheiten in den nächsten 20 Jahren um das Doppelte ansteigen werden. Um die Relevanz für die Gesellschaft zu unterstreichen, hat die Weltgesundheitsorganisation das aktuelle Jahrzehnt zur „Bone and Joint Decade“ ausgerufen. Schon jetzt haben Chirurgen alle Hände voll zu tun: Gelenkerkrankungen, allen voran Arthrose, sind der häufigste Grund für eine Operation. Obwohl Gonarthrose im klinischen Alltag knapp überwiegt, werden mehr Hüft- als Knieendoprothesen implantiert. An Coxarthrose, die so unterschiedlich verlaufen kann, leiden in Deutschland nach Aussage des statistischen Bundesamts von 2015 circa fünf Prozent der Bevölkerung ab dem 60. Lebensjahr. 

Nicht überfordern, nicht unterfordern 

Bauerfeind hat für die Hüfte ein Behandlungsregime vorangetrieben, das seit Jahrzehnten erfolgreich wirkt: die Bewegungstherapie. Beschwerden sollen beim Gehen nach dem Train-Prinzip gelindert, ein Gelenkersatz, wenn nicht überflüssig gemacht, dann zumindest zeitlich hinausgeschoben werden. Die Ursachen von Coxarthrose sind vielfältig: „Übergewicht, rheumatoide Arthritis, Unfälle und einseitige Belastungen können für die Schädigung des Hüftgelenks verantwortlich sein“, erläutert Prof. Dr. med. Stefan Sell, Ärztlicher Direktor des Gelenkzentrums Schwarzwald am Krankenhaus Neuenbürg. Zu viel Belastung sei schädlich, aber zu wenig genauso. Wer täglich unter 6.000 Schritten bleibe, sei gefährdet, so der Spezialist. „44 Prozent derjenigen Patienten mit Hüftarthrose, die sich jedoch einer kontrollierten Bewegungstherapie unterzogen“, zitiert der Orthopäde seine Lieblingsstudie, „konnten das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks um sechs Jahre hinausschieben.“1

Nach wellenförmigem Verlauf folgt Dekompensation 

Auch die Hüfte will also bewegt werden. Bloß wie, wenn jeder Schritt schmerzt? „Die Coxarthrose verhält sich erst mal wie die Gonarthrose, mit wellenförmigem Verlauf“, schildert Prof. Sell. „Gute Tage wechseln mit schlechten, am Anfang sind es noch deutlich mehr gute als schlechte. Dann wird es spannend. Es kommt zur Dekompensation.“ Während sich am Knie über die Jahre der Zustand kontinuierlich verschlechtert, kann es beim Hüftgelenk passieren, dass sich innerhalb von nur zwei Wochen die Situation so verschlimmert, dass die Patienten regelrecht um einen Operationstermin betteln, wie der Direktor des Gelenkzen­trums Schwarzwald berichtet. „Ich sehe viele Betroffene, bei denen die Lebensqualität schon lange nicht mehr passt.“ Anders als bei der Gonarthrose sind auch Nachbarbereiche der Hüfte von ausstrahlenden Schmerzen, wahrscheinlich über die Richtung Knie verlaufende Faszienkette, betroffen. Das Gangbild verschlechtert sich, Schonhaltungen beim Gehen und im Stehen werden ausgeprägter. Zum Schluss tritt dann die Dekompensationsphase fast schlagartig auf. „Diesen Akutpatienten mit einer Orthese zu helfen, ist extrem schwierig“, beurteilt Prof. Sell. 

Gesamtgefüge am Becken

Um potenzielle Ansatz- und Wirkpunkte für eine Orthese zu lokalisieren, hilft ein Blick auf die Anatomie der Hüfte. Auch Ausgangspunkte der unterschiedlichen Symptomatiken lassen sich so ausfindig machen. Das Hüftgelenk ist das größte und stärkste Gelenk des menschlichen Körpers. Es sorgt mit seiner dreidimensionalen Beweglichkeit für aufrechten Gang und gerade Körperhaltung. Gehen und Laufen wirken sich unmittelbar auf Bewegungen des Oberkörpers und die Beckenneigung aus. Eingebettet ist das Kugelgelenk in ein großes Gesamtgefüge am Becken. 

Mehrbelastungen der Iliosakralgelenke

„Wenn wir heute von Schmerzen in der Hüfte reden, meinen wir Schmerzen in der LBH-Region, also den gesamten Lenden-, Becken-, und Hüftbereich“, präzisiert Prof. Sell das Geschehen. „Alle drei Regionen beeinflussen sich sowohl physiologisch als auch pathologisch. Bei Arthrose verliert die Hüfte mehr und mehr ihre Rotationsfähigkeit. Diese muss sie dann aus der Drehung im Lendenwirbelsäulenbereich herausholen, speziell aus den Iliosakralgelenken (ISG). Dort treten schmerzhafte Mehrbelastungen auf.“ Genau an dieser Stelle entfaltet die neue Hüftorthese eine ihrer zahlreichen Wirkprinzipien. Durch Pelotten in ihrem Beckenteil übt die Coxa Train eine Friktionsmassage auf die Bandstrukturen und anliegenden Muskeln der ISG aus. „Eine gute Idee, für diesen sensiblen Bereich eine SacroLoc-ähnliche Bandage zu verwenden“, attestiert der Orthopäde. „Eta­bliertes Potenzial wäre sonst verschenkt.“

„Orthesen im konservativen Repertoire zu haben, bedeutet, therapeutisch zusätzliche Alternativen zu haben. Mit der Coxa Train besitze ich jetzt eine Option mehr.“
Prof. Dr. med. Stefan Sell

Friktionstherapie mit propriozeptiver Wirkung

Zusätzlich zur Friktionsmassage an den ISG wird vom Beckenteil der Orthese eine intermittierende Friktionsmassage auf die häufig hypertone Muskulatur der Hüfte ausgeübt. Eine etwa handgroße bogenförmige Pelotte überspannt die seitliche, oft schmerzhaft verspannte Glutealmuskulatur, die unter anderem die Hüftextension steuert. Das mit drei Noppen besetzte Gluteal Pad massiert beim Gehen quer zum Muskelfaserverlauf – mit positiver propriozeptiver und detonisierender Wirkung auf den oft verkürzten Glutaeus medius. 

Innovation Trochanter Pad entspannt die Hüftmuskulatur

ISG-Beschwerden, muskuläre Dysbalancen sowie das intraartikuläre Schmerzgeschehen sind die Treiber der vielschichtigen Problematiken an der Hüfte. Eine Orthese mit dem Anspruch eines Effekts auf die Gesamtheit dieser Beschwerdebilder muss dieses Ziel auch in ihrer Konstruktion widerspiegeln. „Zum Erreichen ihrer Ziele realisiert die Coxa Train gleich mehrere Wirkprinzipien, ausgehend von multidirektionalen Ansatzpunkten“, erklärt Prof. Sell. Die wesentlichen Mechanismen sind Friktion und Propriozeption. Eine Innovation stellt das sogenannte Trochanter Pad dar – eine Pelotte auf dem Exzentergelenk der Orthese, die oberhalb des großen Rollhügels (Trochanter major) bei jedem Schritt in eine Auf- und Abwärtsbewegung gebracht wird. Durch seinen zyklischen Lauf übt das Trochanter Pad eine Friktionsmassage auf das lokale Weichteilgewebe aus und entspannt so die bewegungsausführende Muskulatur am Hüftgelenk. „Über diesen Mechanismus können wir neben der Schmerzreduktion auch ein verbessertes Gangbild sehen“, stellt Prof. Sell fest. „Untersuchungen zeigen, dass durch korrigierte Abroll- und Rotationsbewegungen beim Gehen die Belastungen in der Hüfte um etliche Prozent vermindert werden konnten.“ 

Multidirektionale Ansatzpunkte 

Belastungen zu reduzieren, um Coxarthrose-­Patienten verlorene Mobilität zurückzugeben, ist Voraussetzung der Bewegungstherapie. Ohne eine schnelle Erleichterung zu spüren, wird kaum ein Betroffener von ihr zu überzeugen sein. „Die Coxa Train kombiniert viele Wirkprinzipien zu einem neuartigen Produkt“, fasst Prof. Sell zusammen. „Diese Kombination bildet ein additives therapeutisches Konzept, um eine endoprothetische Versorgung des Hüftgelenks hinauszuzögern.“ Zudem gibt es viele Patienten, die eine Operation nicht wollen oder bei denen sie nicht möglich ist. Generell erhöhen die multidirektionalen Ansatzpunkte der Coxa Train die Erfolgschancen für die konservative Therapie. „Orthesen im konservativen Repertoire des Spezialisten zu haben“, so Prof. Sell, „bedeutet auch immer, therapeutisch zusätzliche Alternativen zu haben. Mit der Coxa Train besitze ich jetzt eine Option mehr.“ 

Hüftarthrose und Orthesentherapie 

Inwieweit die Coxa Train für die Patienten – neben der Wiedererlangung von Mobilität – eine Option für anspruchsvolle Alltagsbewegungen wie Treppen steigen oder vielleicht für sportliche Aktivitäten darstellt, wird von Prof. Sell und seinem Karlsruher Forschungsteam untersucht (siehe Interview S. 20). Der Arzt ist auch Lehrstuhlinhaber am In­sti­tut für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Die Verbindung von Krankenhaus und Wissenschaft am IfSS ist für ihn elementar. In der Klinik sehe er, welche Probleme ungelöst seien, und erkenne schnell, welche therapierelevante Wirkung die Forschung besitze. „Die ersten Tragetests mit der Coxa Train waren wirklich vielversprechend“, sagt der Arzt. Und er wagt einen Ausblick: „Bislang war Hüftarthrose und Orthesen­therapie nicht existent. Das hat sich mit der Coxa Train geändert.“

1 Svege I, Nordsletten L, Fernandes L, Risberg MA. Exercise therapy may postpone total hip replacement surgery in patients with hip osteoarthritis: a long-term follow-up of a randomised trial. Ann Rheum Dis., 2015 Jan; 74(1): 164–9. doi: 0.1136/annrheumdis-2013-203628. Epub, 2013 Nov 19.

 

Bilder: Bauerfeind, Udo Schönewald


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Evaluationsstudie zur Coxa Train „Effekte machen nur Sinn, wenn sie helfen“ 

Wie wandelt die Coxa Train die Dynamik und Kinematik im Hüftgelenk? Hannah Steingrebe, Bewegungswissenschaftlerin und Studienleiterin am …

Ideengeber Prof. Dr. med. Heinrich Hess über die Coxa Train „Ein orthopädischer Traum ist wahr geworden“

life: Welche Therapieziele stehen hinter der Idee zur Coxa Train? Prof. Hess: Coxarthrose ist nicht heilbar. Bei der Symptomatik können wir …