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Behandlung des diabetischen Fußsyndroms: Erfolgreiches Netzwerk

Ausgabe 02/2016

„Das Schicksal von Menschen mit diabetischem Fußsyndrom hängt von der Effizienz der lokalen Strukturen ab“, sagt Dr. med. Peter Mauckner. Im Großraum Köln/Leverkusen haben die Patienten Glück: Dort hat der Diabetologe gemeinsam mit Kollegen ein äußerst erfolgreiches Netzwerk aufgebaut.

Ein nicht erreichtes Ziel und eine aufrüttelnde Studie, das waren zwei Triebfedern, die die Bildung des „Netzwerks Diabetischer Fuß Köln und Umgebung e. V.“ (www.fussnetz-koeln.de) beschleunigt haben. Die St.-Vinzenz-Deklaration von 1989 hatte gefordert, die Zahl der diabetesbedingten Amputationen in Europa innerhalb von fünf Jahren zu halbieren. „Dass wir für Deutschland weit davon entfernt waren, wurde uns bei der Vorstellung der Leverkusener Amputationsstudie1 im Jahr 2000 drastisch vor Augen geführt“, sagt Dr. med. Peter Mauckner, Leitender Oberarzt Diabetologie am St. Remigius Krankenhaus Opladen in Leverkusen. „Allerdings wurde damals völlig verkannt , dass diese Zahlen für Deutschland hochgerechnet mit 30.000 Amputationen per anno eigentlich schon ganz gut waren.2“ Plötzlich blickte also ganz Deutschland auf die „schlimmen Zustände“ in Leverkusen. „Und das wollten wir Leverkusener natürlich nicht auf uns sitzen lassen“, erzählt Dr. Mauckner mit einem Augenzwinkern. Denn die Frage, wie sich vor allem die Versorgung diabetischer Fußwunden verbessern ließe, habe die Köln/Leverkusener Kollegen schon länger umgetrieben.

Verbindliche Strukturqualität

Diabetologe Dr. med. Peter Mauckner.
Diabetologe Dr. med. Peter Mauckner.

„Klar war: Ohne eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit bekommt man die Folgeerkrankungen bei Diabetes nicht in den Griff“, so der Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe DDG. Gemeinsam mit Kollegen machte er sich daran, in mühevoller Pionierarbeit für die am Behandlungsverlauf beteiligten Protagonisten einheitliche Struktur- und Prozessqualitäten aufzubauen – über Sektor- und Professionsgrenzen hinweg keine leichte Aufgabe! „Ein wesentlicher Baustein war und ist der Hausarzt als ,Sucher‘. Er muss sensibilisiert werden, die Diabetespatienten ausfindig zu machen und ins Netzwerk zu lenken. Über Schulungen und regelmäßig stattfindende Qualitätszirkel ist uns das auch ganz hervorragend gelungen“, freut sich Dr. Mauckner.
„Ein Steuerungselement, das wir dann neu entwickelt haben, waren die Koordinationsärzte. Das heißt es gibt Ärzte – übrigens sowohl auf stationärer als auch auf ambulanter Ebene –, die die Gesamtverantwortung für die Behandlung des einzelnen Diabetespatienten übernehmen und alle Schritte koordinieren. Bei uns im St. Remigius Krankenhaus ist das beispielsweise der Internist.“ Die Klinikpatienten wandern dabei nicht über verschiedene Abteilungen, sondern die einzelnen Netzwerkteilnehmer kommen ans Patientenbett. Die Gesamtdokumentation liegt beim Koordinator. „Und Dokumentation ist ein ganz wesentliches Stichwort“, betont Dr. Mauckner. „Wir haben für alle Ebenen eine verpflichtende, nachvollziehbare Ergebnisqualitätsdokumentation vereinbart. Das war nicht nur für uns selbst und die Patienten wichtig, sondern auch als Argumentation gegenüber den Krankenkassen, mit denen wir in zähen Verhandlungen eine Anschubfinanzierung des Netzwerkprojekts ausgehandelt hatten.“ Die Kassen wollten schließlich sehen, ob sich Einsparpotenziale nutzen ließen. „Dank unserer Dokumentation konnten wir nachweisen, dass die Amputationsrate im ,Netzwerk Diabetischer Fuß‘ um 72 Prozent niedriger lag im Vergleich zur Regelversorgung.“ Darüber hinaus sank die Rate der Major-Amputationen, also der Amputationen oberhalb des Knöchels, auf rund zwei Prozent. Deutschlandweit liegt sie im Durchschnitt bei acht Prozent.

Kompetenzen sinnvoll einsetzen

Zum Netzwerk gehören u. a. Diabetologen, Chirurgen, Angiologen, Podologen und Orthopädieschuhmacher. Entscheidend für die Netzwerkarbeit sei, dass letztlich jeder zum erforderlichen Zeitpunkt nur das mache, was er gut könne, und dann den jeweiligen Spezialisten hinzuziehe. „Im Netzwerk sind alle Akteure gleichrangig. Nehmen Sie einen Chirurgen mit so hochspezialisierten Tätigkeiten wie einer Bypass-Operation oder einer Lappentransplantation. Sobald der Patient wieder in die ,freie Wildbahn‘ geht, ist der wichtigste Mensch auf einmal der Podologe, der rechtzeitig schaut, ob der Patient eine Schwiele am Fuß hat , und ihn gegebenenfalls schnell zum Hausarzt bzw. Koordinationsarzt schickt, zum Beispiel, um eine entlastende Einlage zu verschreiben“, so Dr. Mauckner. Apropos Einlagen: „Einer der Hauptkostenpunkte bei der Diabetikerversorgung ist der Vieleinsatz von orthopädischen Maßschuhen. Dabei ist das gar nicht immer zielführend.
Dadurch, dass wir aufgrund unserer entsprechend sensibilisierten Hausärzte und Podologen mittlerweile sehr früh an die Patienten rankommen, können wir beispielsweise schon frühzeitig mit druckentlastenden, weichbettenden Einlagen agieren. Bei den Einlagen sind wir übrigens von den damals sehr innovativen und wegbereitenden Vorstellungen aus der Chantelau-Ära – einer vollflächig harten Einlage – weggekommen. Heute bevorzugen wir den Weg hin zu einer flächigen Druckverteilung entsprechend einer Versorgung nach der PG 31.03.07 unter Ausnutzung des Fußquer- und -längsgewölbes, verbunden mit der Möglichkeit lokaler Entlastungen.“ Doch egal, ob Maß- oder Konfektionsschuh mit Sohlenversteifung und entsprechender Einlage, entscheidend sei es, den Fuß und auch das Hilfsmittel regelmäßig zu kontrollieren, um Veränderungen rechtzeitig auszumachen und reagieren zu können.

Zweitmeinung vor Amputationen

Um die Amputationsraten bei diabetischen Füßen noch weiter zu senken, stellte das Netzwerk übrigens vor einigen Jahren eine große Medienkampagne zum Thema Zweitmeinung auf die Beine. Und auch heute noch bietet es Kliniken, die nicht im Netzwerk sind, die Möglichkeit, innerhalb von zwei Tagen vor einer Amputation eine unabhängige Beurteilung zu bekommen, ob die Amputation wirklich notwendig ist oder ob es nicht doch noch andere Möglichkeiten gibt. „Das wird auch deshalb von den Kliniken gut genutzt, weil unsere Prozessqualitäten mittlerweile justiziabel geworden sind“, sagt Dr. Mauckner. „Ein Problem ist leider nach wie vor, dass sich mit Amputationen noch immer gut Geld verdienen lässt.“

ErgoPad Soft eignet sich u. a. für Diabetiker der Risikoklasse 0 sowie für Risikogruppen, die Gefahr laufen, an Diabetes zu erkranken.

 

 

1 Trautner C, Haastert B, Spraul M, et al. Unchanged incidence of lower-limb amputations in a German City, 1990-1998. Diabetes Care. 2001 May; 24(5):855-9.
2 Im Februar 2016 sprach die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) von etwa 50.000 Füßen, die jährlich infolge einer Diabeteserkrankung amputiert werden.

Bilder: istockphoto.com/portishead1, Stefan Durstewitz, Bauerfeind