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Bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung „Die Mittel sind begrenzt“

Ausgabe 03/2010

Prof. Dr. med. Fritz Beske, Gründer und Leiter des Fritz Beske Instituts für Gesundheitssystem-Forschung Kiel, befasst sich mit Fragen einer gerechten Mittelaufbringung und Leistungsfinanzierung zur Zukunftssicherung der Gesundheitsversorgung. Die life-Redaktion besuchte ihn in seinem Institut.

Herr Prof. Beske, was sind die wesentlichen Herausforderungen für das Gesundheits­system?
Prof. Beske: Sie liegen in der Bewältigung der Auswirkungen des demografischen Wandels und des medizinischen Fortschritts. Der Anteil an der Bevölkerung mit einem höheren Versorgungsbedarf nimmt stetig zu und der Anteil der Beitragszahler nimmt ab. Damit wird es immer schwieriger, die von der gesetzlichen Krankenver­sicherung (GKV) angebotenen Leistungen zu finanzieren.

Die Finanzierung der GKV stützt sich we­sentlich auf lohnbezogene Beiträge. Ist dies zeitgemäß?
Prof. Beske: Für die Probleme, die sich aus den Auswirkungen der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts ergeben, ist es im Grundsatz nicht von entscheidender Bedeutung, wie die erforderlichen Mittel zur Finanzierung der Leistungen aufgebracht werden. Voraussichtlich wird dies auch in Zukunft eine Kombination von Beiträgen, Steuerzuschuss und Selbstbeteiligung sein. Entscheidend ist die Feststellung, dass die Mittel begrenzt sein werden und dass es mit begrenzten Mitteln nicht möglich ist, unbegrenzt Leistungen zu finanzieren.

Was bedeutet das konkret?
Prof. Beske: Das deutsche Gesundheitswesen ist auch im internationalen Vergleich unverändert ein hoch leistungsfähiges Gesundheitssystem. Soll jedoch auch in Zukunft eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung bei begrenzten Mitteln möglich sein, und dies ist das Ziel der Gesundheitspolitik, dann sind Anpassungen durch Leistungseinschränkungen unvermeidlich.

Prof. Dr. med. Fritz Beske hat mit Studien seines Instituts weitreichende Debatten zur Zukunftssicherung unserer Gesundheitsversorgung ausgelöst. Im life-Interview gibt er Einschätzungen ab, aber auch Wünsche preis.
Prof. Dr. med. Fritz Beske hat mit Studien seines Instituts weitreichende Debatten zur Zukunftssicherung unserer Gesundheitsversorgung ausgelöst. Im life-Interview gibt er Einschätzungen ab, aber auch Wünsche preis.

Oft wird der Eindruck erweckt, Kassen könnten nicht mit Geld umgehen, zu Recht?
Prof. Beske: Die gesetzlichen Krankenkassen verfügen im Allgemeinen über eine effektive Verwaltung. Dennoch werden von den Kassen zu viele Mittel für Leistungen ausgegeben, die nicht primär der eigentlichen Aufgabe der GKV – der Versorgung im Krankheitsfall – dienen. Als Beispiele seien Ausgaben für Wellness und Kuren genannt. Dies muss in Zukunft privat finanziert werden. Die Politik hat der GKV aus gesellschaftlichen, familienpolitischen und sozialen Gründen eine Reihe von gewaltigen Aufgaben übertragen, die nichts mit der primären Aufgabe der GKV zu tun haben und die nicht gegenfinanziert sind.

Sehen Sie bei der Hilfsmittelversorgung ­be­reits Merkmale einer schleichenden ­Leistungseinschränkung?
Prof. Beske: In der Tat stehen wir auch in der Hilfsmittelversorgung an der Schwelle zu einer impliziten Rationierung, d. h. zu einer geheimen, stillen, nicht öffentlich gemachten und damit intransparenten Leistungseinschränkung. Ohne Änderungen im System ist eine Einschränkung bei der Hilfsmittelversorgung zu befürchten.

Was würden vertikale und horizontale ­Priorisierung z. B. für die orthopädische Versorgung bedeuten können?
Prof. Beske: Jede Form von Priorisierung, d. h. von einer Ordnung der Leistungen nach ihrer Wertigkeit und Bedeutung für die Gesundheitsversorgung, und jede Rationierung führen auch zu Auswirkungen auf die orthopädische Versorgung. Bei begrenzten Mitteln – Begründung für Priorisierung und Rationierung – würde dies bedeuten, dass die Maßstäbe für die Gewährung von Leistungen sehr viel enger gezogen werden und dass immer mehr Leistungen nur noch mit Selbstbeteiligung erhalten werden können oder aus dem Leistungskatalog der GKV herausgenommen werden müssen.

Die GKV fußt auf dem Gedanken der Solida­rität zwischen Leistungsfähigen und Schwachen sowie Gesunden und Kranken. Ist eine Priorisierung gerecht?
Prof. Beske: Eine Priorisierung von Leistungen gehört zu den besten Möglichkeiten, um auch mit begrenzten Mitteln eine unverändert bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung und damit eine Gesundheitsversorgung mit den notwendigen Leistungen sicherzustellen. Es muss jedoch gefordert werden, dass Priorisierung transparent erfolgt und dass die Bevölkerung darüber informiert wird, mit welcher Methodik priorisiert wird und wie das Ergebnis der Priorisierung im Einzelnen aussieht.

Die Eurocom* und der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik plädieren für die Einführung eines Festzuschusses bei der orthopädischen Versorgung mit ausgewählten, industriell ­gefertigten Bandagen, Einlagen und Kompressionsartikeln. Was denken Sie?
Prof. Beske: Ich halte die Einführung von Festzuschüssen für die genannten Hilfsmittel für eine gute Lösung. Damit wird erreicht, dass sich die GKV unverändert an den Kosten für diese Artikel beteiligt, dass aber die Wahlmöglichkeiten des Patienten hinsichtlich des von ihm benötigten Hilfsmittels zunehmen und damit von ihm selbst an seinen Bedarf und seine finanziellen Möglichkeiten angepasst werden können.

Eine gute Fee schenkt Ihnen drei Wünsche, um das Krankenversicherungssystem bis zum Jahr 2030 zu sichern. Was sollte sie tun?
Prof. Beske: Sie sollte erstens dafür sorgen, dass die Politik die Probleme öffentlich anerkennt, die sich aus den Auswirkungen von demografischer Entwicklung und medizinischem Fortschritt für die bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung ergeben, und beabsichtigt, gemeinsam und transparent mit allen Beteiligten Antworten auf diese Probleme zu finden. Als zweites würde ich mir die Fähigkeit der Bevölkerung und aller Beteiligten im Gesundheitswesen wünschen, in harmonischer Zusammenarbeit, sachbezogen und ohne ideologische Glaubenskämpfe Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. Und drittens wünsche ich mir von unserer Bevölkerung ein höheres Maß an Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung in Deutschland, einer Gesundheitsversorgung, die im internationalen Vergleich beispielhaft gut ist. Jeder Bürger sollte bereit sein, durch Eigenverantwortung für seine Gesundheit und durch eine sparsame Inanspruchnahme von Leistungen dazu beizutragen, dass unser Gesundheitssystem sicher in die Zukunft geführt werden kann.

Prof. Dr. med. Fritz Beske.
Prof. Dr. med. Fritz Beske.

Hintergrund
Prof. Dr. med. Fritz Beske MPH, geboren 1922, war u. a. mehrere Jahre für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig. Von 1958 bis 1981 stand er im Dienst des Landes Schleswig-Holstein, erst als Referent und Leiter der Gesundheitsabteilung im Innenministerium, dann – von 1971 bis 1981 – als Staatssekretär im Sozialministerium. 1975 gründete er das Institut für Gesundheitssystem-Forschung (IGSF) Kiel. Seit 2001 führt die gemeinnützige Stiftung seinen Namen. Die Stiftungsaufgaben liegen unter anderem in der überparteilichen, wissenschaftlichen Politikberatung zu Fragen des Gesundheitswesens. Weitere Informationen: www.igsf.de.

 

* Herstellervereinigung für Kompressionstherapie und orthopädische Hilfsmittel

Bilder: Pat Scheidemann