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Arthrose Fatale Mikrotraumen

Ausgabe 02/2012

Bei der Entstehung der sekundären Arthrose wird oft unterschätzt , welche Bedeutung kleinsten traumatischen Gelenkknorpeldefekten zukommt. Das sagt Prof. Dr. med. Dieter Kohn, Direktor der Orthopädischen Klinik und Poliklinik der Universitätskliniken des Saarlands. In der Summe können permanente Mikroverletzungen zum Vollbild der Arthrose auswachsen. Frühe Konsequenzen in der Therapie sind gefordert.

Von tausend Patienten zeigen sechshundert bei einer Kniearthroskopie Schäden am hyalinen Knorpel. Fast die Hälfte dieser Defekte wurde durch Arthrose hervorgerufen (Hjelle, K. et al.; s. Ref.). Besonders Gelenke, die das Körpergewicht tragen, sind gefährdet. Vor allem das Knie. Sechs bis acht Millionen Menschen sind in Deutschland von Gonarthrose betroffen. Bei den über 45-Jährigen leiden fast die Hälfte unter arthrotischen Kniebeschwerden, bei den über 75-Jährigen fast alle. Eine klassische Volkskrankheit. Die Frage, die sich aufdrängt , wartet jedoch immer noch auf eine Antwort. Weshalb bereitet Arthrose solch riesige Probleme? Warum regenerieren Knorpeldefekte (beim Erwachsenen) einfach nicht? Liegt es an der fehlenden Blutversorgung des Knorpels? Hemmt die Gelenkflüssigkeit , die Synovia, die Regeneration? Spielt womöglich ein ganz anderer Faktor die entscheidende Rolle? Trotz einer Vielzahl von Studien, zu denen auch Versuche zur Vermehrung von Knorpelzellen unter Laborbedingungen gehören, ist keine kausale Therapie gegen den Knorpelschwund im Gelenk in Sicht.

Prof. Dr. med. Dieter Kohn, Direktor der Orthopädischen Klinik und Poliklinik der Universitätskliniken des Saarlands, im Gespräch mit Bauerfeind life.
Prof. Dr. med. Dieter Kohn, Direktor der Orthopädischen Klinik und Poliklinik der Universitätskliniken des Saarlands, im Gespräch mit Bauerfeind life.

Fünf Millionen Schritte hinterlassen Spuren

Damit nicht genug. „Warum sehen wir ­Arthrose relativ oft im Bereich des Schlüsselbeins und Brustbeins“, fragt sich der Orthopäde Prof. Kohn, „obwohl wir hier gar keine lasttragenden Gelenke haben?“ Der Arzt , dessen Arthrose-Publikationsliste Seiten füllt , redet nicht lange herum: „Wir wissen es nicht.“ Und was ist mit dem Einfluss der Gene? Es gibt Familien, deren Mitglieder, selbst im hohen Alter, keinerlei Anzeichen von Arthrose entwickeln. Bei anderen ­Familien dagegen tritt die Gelenkerkrankung gehäuft auf. Auch in der Diagnostik gibt es Unklarheiten. „Arthrose ist zwar objektivierbar anhand von Merkmalen im Röntgenbild oder auf dem Kernspintomogramm“, erläutert der Arzt , „aber nicht immer sind die Merkmale auch mit Symptomen verbunden. Und umgekehrt!“
Obwohl das höchst unterschiedliche Krankheitsbild der Arthrose viele Fragen aufwirft , gibt es auch harte Fakten: Rund fünf Millionen Schritte macht der Mensch pro Jahr, rechnet der Orthopäde vor. Verschleiß erscheint hier sofort glaubhaft. Bei einem anderen Ursachenfaktor fällt die Rechnung deutlich schwerer, dennoch hält Prof. Kohn dessen Auswirkungen für gravierend: „Wir unterschätzen die vielen kleinen Traumata. Nehmen Sie den Fußballspieler, nicht auf höchstem Niveau, der aber durchaus pro Woche seine fünf Stunden spielt und trainiert und der immer wieder etwas abkriegt.“ Typische Fälle, hier eine Zerrung, dort ein Umknicken. „Ich sehe erschreckend viele Männer im Alter zwischen 40 und 55 Jahren, die einerseits sportlich sehr gut trainiert sind, aber andererseits starke Arthrose an ihren Kniegelenken haben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in ihrer aktiven Zeit zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr sehr viel Sport betrieben haben.“

Prävention – so früh wie möglich

„Wenn ich das gewusst hätte, …“, mag da so mancher (Freizeit-)Sportler zurückblickend denken, wenn er mit der Diagnose Arthrose konfrontiert wird. „Ich würde jedem jungen Sportler raten, mit Verletzungen, die er als Verstauchung, Prellung oder Zerrung einordnet , zum Facharzt zu gehen. Und ich würde den Kollegen raten, diese ernst zu nehmen.“ Seit 1982 ist Prof. Kohn „im Kniegeschäft“, wie er es bezeichnet. Er weiß: „Wenn der Patient chronische Symptome hat und im Kernspin nach einer ,Bagatellverletzung‘ Schäden sichtbar sind, muss eine Konsequenz folgen. Aber nicht irgendeine und nicht notwendigerweise eine Operation. Er muss die Verletzung ausheilen lassen und seine Aktivität darauf einstellen. Es macht keinen Sinn, ihn fit zu machen, indem man ihm die warnenden Schmerzen nimmt , aber die Läsion und die Belastung belässt. Das führt zwangsläufig von der Vorstufe über die Abnutzung zur Arthrose.“
Beim Knie kommt erschwerend die hohe Verletzungsgefahr an den Bändern hinzu. „Irreführenderweise wird hier häufig der Begriff ‚Isolierte vordere Kreuzbandruptur’ gebraucht“, ärgert sich der Experte. „Die Kräfte, die ein Band reißen lassen, reichen immer aus, um auch knöcherne Ausrisse oder Knorpelschäden zu setzen – und seien sie noch so klein. Von einer ‚isolierten’ Ruptur kann keine Rede sein“, stellt er klar. Folglich auch nicht von einer „isolierten“ Therapie. Denn die alles dominierende Dysfunktion lautet jetzt: Instabilität.
Um die lauernde Gefahr der Arthrose bei Instabilität zu demonstrieren, beruft sich der Orthopäde auf die Biomechanik: „Wenn das Knie ein wichtiges Band verliert , ist die gesamte Kinematik gestört. Die Belastung auf dem Knorpel ist bei jeder Bewegung erhöht. Durch die Scherkräfte kommt bei jedem Schritt ein neues kleines Trauma auf den Knorpel. Die müssen wir eliminieren, indem wir die Stabilität wieder herstellen. Und zwar schnell.“ An dieser Stelle können Orthesen eine gute Arbeit leisten. Als Beispiel führt Prof. Kohn die Kniegelenkorthese SofTec Genu an, mit der er speziell nach Innenband­rissen gearbeitet hat. „Meine Erfahrungen damit sind gut“, sagt er. „Die geführte Bewegung durch die seitlich angebrachten Orthesenschienen ermöglicht eine Stabilisierung des Gelenks.“

Kniegelenkorthese SofTec Genu.
Kniegelenkorthese SofTec Genu.

Das Problem: Arthrose macht früh kaum Beschwerden

Frühzeitig Maßnahmen gegen Gonarthrose zu ergreifen, ist das alles Entscheidende. Daran lässt Prof. Kohn keine Zweifel. Das gelte für Arzt und Patient gleichermaßen. Ob Instabilitäten oder Überbeanspruchungen, ob Bewegungsarmut oder Fehlernährung – diese Faktoren gilt es abzustellen. Das Problem ist nur: Arthrose tut in der Frühphase meist nicht weh.
Umso wichtiger ist die Aufklärung. Für die Arthrose sind flächige, diffus begrenzte Knorpeldefekte charakteristisch. Nach vollständigem Verlust des Gelenkknorpels verbleibt häufig nur der endoprothetische Oberflächenersatz als Therapiekonsequenz. „Man sollte aber nicht vergessen, dass wir im Vorfeld noch diverse Optionen haben“, betont Prof. Kohn. So können beispielsweise chirurgisch-rekonstruktive Verfahren wie Umstellungsoperationen die Gelenkfunktion verbessern und damit die Implantation eines endoprothetischen Oberflächenersatzes hinauszögern. „Einlagen sind ebenfalls ein probates Mittel , um eine Entlastung von Gelenkteilen zu erreichen“, so Prof. Kohn. „Bevor ich die Indikation zu einer Gelenkprothese stelle, prüfe ich stets, ob alle Möglichkeiten, das natürliche Gelenk zu erhalten, ausgeschöpft worden sind.“


Literaturhinweis: Hjelle, K., Solheim, E., Strand, T., Muri, R., Brittberg, M.: Articular cartilage defects in 1,000 knee arthroscopies. Arthroscopy 2002; 18: 730-734.

Bilder: Werbefotografie Weiss, Bauerfeind